Requiem For A Dream

Bereits mit seinem in grobkörnigem Schwarzweiß gedrehten Regiedebüt „Pi – System im Chaos“ (1998) bewies Darren Aronofsky ein gutes Gespür dafür, die außergewöhnlichen Seelenzustände seines Protagonisten – in diesem Fall eines Mathegenies auf der Suche nach der Weltformel – in adäquate Bild- und Klangwelten zu tauchen, die Zuschauer quasi die Sinneseindrücke der Figur aus ihrer ganz speziellen Sicht miterleben zu lassen. Nach diesem geglückten, auf dem Sundance Film Festival prämierten Einstand wagte sich Aronofsky an die Verfilmung von Hubert Selbys Drogenroman „Requiem For A Dream“ (2000) und nahm sein Publikum mit in die Hölle gleich vierer Drogenkonsumenten.

Inhalt:

Nach dem Tod ihres geliebten Mannes lebt Sara Goldfarb (Ellen Burstyn) allein vereinsamt in Brighton Beach, einer Gemeinde auf Coney Island im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Sie verbringt ihre Tage damit, sich eine Selbsterfüllungs-Show namens Tappy Tibbons Show im Fernsehen anzusehen. Ihr drogensüchtiger Sohn Harold (Jared Leto), genannt Harry, schiebt den Fernseher zusammen mit seinem besten Freund Tyrone (Marlon Wayans) immer wieder zum Pfandleiher (Mark Margolis), um von diesem Geld seine Heroinsucht zu finanzieren.
Eines Tages erhält die Mutter einen Anruf von einer Medienagentur; sie habe die Chance, im Fernsehen aufzutreten, die Unterlagen seien unterwegs. Sara plant, ihr rotes Lieblingskleid anzuziehen, in das sie allerdings nicht mehr reinpasst. Von ihrem Arzt lässt sie sich Schlankheitspillen beziehungsweise Appetitzügler, die Amphetamine enthalten, verschreiben, die zwar tatsächlich ihr Gewicht reduzieren, doch durch die selbständige Erhöhung ihrer Dosis gerät Sara immer mehr in eine feste Abhängigkeit und Traumwelt, in der sie Realität und Fantasie nicht mehr unterscheiden kann.
Harry und Tyrone beginnen unterdessen mit organisiertem Drogenhandel. Die anfänglichen Profite ermöglichen es, Harrys Mutter einen modernen Fernseher zu schenken. Harry will zusammen mit seiner ebenfalls süchtigen Freundin Marion (Jennifer Connelly) einen Modeladen aufmachen. Sie steigern sich in den Traum hinein, mit Drogenhandel das große Geld dafür zu erwirtschaften, doch schmelzen die anfänglichen Gewinne durch den erhöhten Eigenverbrauch so schnell dahin, dass Marion beginnt, zunächst auf Verlangen Harrys, sich zu prostituieren. An der Sucht scheint die Beziehung zu zerbrechen: Sie schläft zunächst gegen Geld mit dem Psychiater Arnold und erscheint später bei Big Tim, der nun die einzige Drogenquelle in Brooklyn zu sein scheint, nachdem Tyrone und Harry in ein Feuergefecht zwischen rivalisierenden Drogen-Clans geraten sind…

Kritik:

Selten sind die Abgründe, die sich im Zuge einer wachsenden Drogenabhängigkeit auftun, so eindringlich in audiovisuelle Szenarien gegossen worden wie in Aronofskys Zweitwerk „Requiem For A Dream“. Es braucht keine lange Einleitung und auch nachträglich keine Erklärungen für die Art und Weise, wie Harry, seine Freundin Marion, sein bester Kumpel Tyrone und seine Mutter in diese Abhängigkeit geraten sind. Entscheidend ist, was die Drogen mit diesen vier Menschen machen, physisch wie psychisch. Am eindrucksvollsten wird diese Entwicklung bei der vereinsamten Sara deutlich, die ihre Einsamkeit mit endlosem Fernsehkonsum betäubt, um dann ihren Lebenstraum nachzujagen, selbst Kandidatin in ihrer beliebtesten Show zu werden. Über diesen Traum hinweg hinterfragt sie nie die Zusammensetzung der farblich voneinander unterschiedenen Pillen, die sie viermal täglich einwirft, obwohl ihr mit deren offensichtlicher Wirkung bestens vertrauter Sohn sie darauf hinweist, dass sie auf eine gefährliche Abhängigkeit zusteuert. Aber auch die jungen Leute spüren auf brutale Weise die Folgen ihres Drogenkonsums. Harrys Arm beginnt sich in der Armbeuge gefährlich blau zu verfärben, Marion muss sich immer heftiger prostituieren, um ihre Sucht befriedigen zu können. Diese Abwärtsspirale haben Aronofsky, der mit dem Romanautor zusammen auch das Drehbuch verfasst hat, und sein Kameramann Matthew Libatique mit delirierenden Bildern eingefangen, mit schnellen Schnitten und ungewöhnlichen Kameraperspektiven, die zusammen mit den elegischen Klängen von Clint Mansell und dem Kronos Quartet einen fesselnden Sog entwickeln, dem man sich nicht entziehen kann.

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