Before Sunrise

Richard Linklater hatte sich mit seinen ersten Autorenfilmen „It’s Impossible to Learn to Plow by Reading Books“, „Rumtreiber“ und „Dazed and Confused“ seit Ende der 1980er Jahre einen hervorragenden Ruf als Independent-Filmer erarbeitet und dabei vor allem mit den Konzepten von Zeit und Vergänglichkeit vor dem Hintergrund einer sich rasch verändernden Welt gearbeitet. 1995 gelang ihm mit der Romanze „Before Sunrise“ ein Überraschungs-Hit, der zu den schönsten Liebesfilmen der Neuzeit zählt und zwei Fortsetzungen nach sich zog.

Inhalt:

Auf einer Zugfahrt von Budapest aus nach Frankreich lernen sich der US-Amerikaner Jesse (Ethan Hawke) und die französische Studentin Céline (Julie Delpy) näher kennen, als sich sie, gestört durch den lauten Streit eines mitreisenden Ehepaares, in den Speisewagen flüchten. Während Jesse erzählt, er müsse nach Wien, um dort einen Flug zurück in die Staaten zu bekommen, berichtet Céline von ihrem Besuch bei ihrer Großmutter in Budapest und dass sie nun auf der Rückreise nach Paris sei, wo schon bald ihre Vorlesungen an Sorbonne beginnen werden. Schon recht bald kommen die beiden auf ersten Themen wie Familie und Liebe zu sprechen, wobei sie, trotz teils unterschiedlicher Meinungen, feststellen, dass sie einen guten Draht zueinander haben und sich sehr sympathisch sind. Als Jesse schließlich aussteigen muss, überredet er Céline mit ihm die Zeit bis zu seinem Flug in Wien zu verbringen, worauf sie sich nach kurzer Überlegung einlässt. Nachdem sie ihr Gepäck verstaut haben, machen sich die beiden auf den weg, die Stadt zu erkunden, besichtigen den Prater wie auch den Friedhof der Namenlosen und den Donaukanal. Neben Célines Erinnerungen an die Stadt, welche sie zuletzt als kleines Mädchen besichtigte, spielen immer wieder ihre vergangenen Beziehungen, ihre Einstellungen zu Beziehungen, zur Ehe, zum Leben und zum Tod eine Rolle bei den vielen Gesprächen, die sich durch immer neue Teile der österreichischen Hauptstadt führen und sie einige kuriose Begegnungen machen lassen, so mit einer Wahrsagerin und einem Dichter. Dann rückt die Zeit des Abschieds näher…

Kritik:

Linklater ließ sich für „Before Sunrise“ von einer Begegnung mit einer jungen Frau in Philadelphia inspirieren und inszenierte eine Liebesgeschichte, die sich innerhalb nur weniger Stunden erst im Zug und dann ausschließlich in Wien abspielt. Die noch jungen, aber bereits erfahrenen Darsteller Ethan Hawke („Der Club der toten Dichter“, „Schnee, der auf Zedern fällt“) und Julie Delpy („Drei Farben – Weiß“, „Zwei Tage Paris“) schrieben am Drehbuch mit und verleihen den lebendigen Dialogen, von denen der Film vor allem lebt, eine stärkere Authentizität. Die Geschichte von Jesse und Céline, die in „Before Sunset“ und „Before Midnight“ fortgesetzt wurde, stellt eine Art Bestandsaufnahme von Themen wie Liebe und Partnerschaften vor dem Hintergrund einer Annäherung zweier Menschen dar. Die jeweilige Vergangenheit von Jesse und Céline wird dabei nur partiell aufgearbeitet, so weit es für das Kennenlernen notwendig ist. Über klassische, zu Ehrlichkeit verpflichtende Fragen und Antworten tasten sich die beiden Fremden recht schnell aneinander heran, hinterfragen und deuten um, bringen andere Ideen dazu ins Spiel, so dass aus dem fortlaufenden Dialog eine romantische Beziehung entsteht, von der beide wissen, dass sie den nächsten Tag nicht überstehen wird. Es macht einfach Spaß, die beiden wunderbar miteinander harmonierenden Akteure dabei zu beobachten, wie sie durch die Wiener Altstadt wandern und sich näherkommen, sich auf Begegnungen mit anderen Menschen einlassen und nicht weiter an die Zukunft denken, nur den Moment genießen. Linklater beweist mit „Before Sunrise“, dass nicht viel passieren muss, um eine unterhaltsame Geschichte zu erzählen, wenn nur der Inhalt und die äußere Form stimmen.

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