Die bleierne Zeit
Margarethe von Trotta hat zwar vor allem in den 1970er
Jahren als Schauspielerin in Filmen von Volker Schlöndorff („Baal“, „Der
plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach“, „Die Moral der Ruth Halbfass“,
„Der Fangschuss“), Wim Wenders („Der amerikanische Soldat“)
und Rainer Werner Fassbinder („Götter der Pest“, „Warnung vor einer
heiligen Nutte“) gewirkt, aber auch schon früh an ihrer Karriere als
Autorin und Regisseurin gearbeitet. Nachdem sie zunächst als Co-Regisseurin bei
Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) und „Das
zweite Erwachen der Christa Klages“ (1978) tätig war und 1979 mit „Schwestern
oder Die Balance des Glücks“ ihr alleiniges Regiedebüt feierte, gelang von
Trotta 1981 mit „Die bleierne Zeit“ der Durchbruch, wurde das Drama doch
mit dem Goldenen Löwen, dem Hauptpreis der Filmfestspiele von Venedig,
ausgezeichnet.
Inhalt:
Die beiden Schwestern Juliane (Jutta Lampe) und
Marianne (Barbara Sukowa) wuchsen im Westdeutschland der Nachkriegsjahre,
der titelgebenden bleiernen Zeit, in einer evangelischen Pfarrersfamilie
auf. Zunächst war Juliane noch das rebellischere der beiden Mädchen, die im
Schatten des autoritären Vaters (Franz Rudnick) und der grausamen
politischen Vergangenheit in den folgenden Jahrzehnten allerdings unterschiedliche
Wege einschlugen. Zwar setzten sich beide innerhalb der Studentenbewegung für
gesellschaftliche Veränderungen ein, doch während sich Juliane in der
68er-Bewegung und auch noch darüber hinaus durch ihre journalistischen Arbeiten
für Belange wie Frauenrechte einsetzte, waren Worte Marianne schon lange nicht
mehr genug. Sie tauchte in den linksradikalen Untergrund ab und wurde Teil
einer terroristischen Organisation, deren Mitglieder nun wegen einer Vielzahl
von Anschlägen und Entführungen gesucht wird.
Ihre Schwester befindet sich daher schon lange auf der
Flucht und hat nur noch sporadisch Kontakt zu Juliane, die sich sogar um
Mariannes Sohn kümmern muss, der sie seit seinem zweiten Lebensjahr nicht mehr
gesehen hat. Julianes Beziehung zu dem Architekten Wolfgang (Rüdiger Vogler)
verschlechtert sich ebenso wie das zu Marianne, die nach ihrer Verhaftung nur
noch überzeugter denn je an ihren Prinzipien festhält. Je länger die Haft
andauert, desto mehr werden die Besuche zu einer Konfrontation mit den eigenen
Idealen sowie der Vergangenheit, die sie zu den Menschen gemacht hat, die sie
heute sind…
Kritik:
Von Trotta hat ihren nach einer Zeile in dem Hölderlin-Gedicht
„Der Gang aufs Land. An Landauer“ benannten Film „Die bleierne Zeit“ an
die Biografie der Geschwister Gudrun und Christiane Ensslin
angelehnt. Während Christiane eine engagierte Frauenrechtlerin wurde, die unter
anderem die Zeitschrift Emma mitbegründete, avancierte ihre Schwester zu
einem der bekanntesten Gesichter der Roten Armee Fraktion und damit des
linken Terrors. Die Regisseurin lernte Christiane auf der Beerdigung ihrer
Schwester kennen und ließ sich von ihr während einiger gemeinsam verbrachter
Tage die Geschichte ihrer beiden Leben erzählen. Von Trotta ging es dabei
nicht um die Thematisierung des Terrorismus, sondern tatsächlich um die enge
Verbundenheit der Schwestern, die nicht zuletzt durch die strenge religiöse
Erziehung zusammengeschweißt wurden. Das wird immer wieder in beeindruckenden
Rückblenden deutlich, beim Spielen als Kleinkinder ebenso wie beim gemeinsam
erlebten Entsetzen über die Gräuel des Nazi-Regimes, das ihnen durch die
Vorführung von Alain Resnais‘ „Nacht und Nebel“ überkommt. In
nüchternen Bildern treten vor allem Julianes Besuche im Gefängnis in den
Vordergrund. Immer fragt Juliane ihre Schwester, was sie braucht, versucht,
ihre Not nachzuempfinden, die grausame Stille und Isolation, schließlich die Zwangsernährung
durch einen Katheter. Trotz aller unterschiedlicher Auffassungen bleiben Juliane
und Marianne einander verbunden, tauschen vor dem Abschied sogar noch schnell
ihre Pullover, und als Marianne schließlich erhängt in ihrer Zelle aufgefunden
wird, will sich Juliane mit dem vermeintlichen Selbstmord ihrer Schwester nicht
abfinden und stellt eigene Recherchen an. Es sind diese eindringlichen Szenen,
die „Die bleierne Zeit“ vor allem als Portrait zweier Schwestern als
Produkt ihrer Erziehung und gesellschaftspolitisch geprägten Zeit wirkungsvoll
machen.

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