Perfect Days

Wim Wenders zählt zu den größten noch lebenden Autorenfilmern Deutschlands. Es gibt fast nichts, was er nicht schon gemacht hat, von seinen preisgekrönten Spielfilm-Klassikern wie „Paris, Texas“ (1984) und „Der Himmel über Berlin“ (1987) über unzählige Dokumentarfilme und Musikvideos für Die Toten Hosen, U2, Talking Heads und Willie Nelson. Zwar schien Wenders mit seinen letzten, kaum beachteten Spielfilmen etwas in der Versenkung zu verschwinden, doch mit seinem Zen-artigen Portrait eines einfachen Mannes, der in Tokio öffentliche Toiletten reinigt, „Perfect Days“ (2023), meldete sich Wenders eindrucksvoll zu alter Meisterschaft zurück.

Inhalt:

Hirayama (Kôji Yakusho) putzt für The Tokyo Toilet die öffentlichen Toiletten im zentralen Stadtbezirk Shibuya und lebt sein einsames Leben mit zuverlässiger, ruhiger Routine. Morgens rollt er sein Futon zusammen, stutzt den Schnurrbart und rasiert sich, befeuchtet seine Pflanzen im Nebenzimmer und verlässt sein Haus. Nachdem er sich am Automaten seine Dose Erfrischungsgetränk gezogen hat, setzt er sich in seinen blauen Lieferwagen und absolviert seine Runde, wobei ihm gelegentlich sein junger, unzuverlässiger Kollege Takashi (Tokio Emoto) zur Hand geht. Er verspeist jeden Tag in der Mittagspause sein Sandwich in einem kleinen Park und genießt die Schattenspiele der Blätter in den Bäumen, macht davon jeden Tag ein Foto mit seiner analogen Kompaktkamera, nimmt nach Feierabend stets das gleiche Mahl in einem Imbiss zu sich, bevor er vor dem Schlafengehen noch ein wenig in einem Roman liest. Erst als Hirayamas Nichte Niko (Arisa Nakano) in seiner kleinen Wohnung auftaucht, bekommt er wieder Kontakt zu seiner Familie, von der er sich so lange distanziert hat…

Kritik:

Die Entstehungsgeschichte von „Perfect Days“ ist so ungewöhnlich wie der Film selbst. Wenders hatte eine Einladung nach Japan erhalten, um sich die zu den Olympischen Spielen 2020 neu erbauten, von namhaften Architekten konstruierten öffentlichen Toiletten anzusehen – mit dem Hintergedanken, dass er darüber eine Dokumentation drehen könnte. Stattdessen entwickelte Wenders die Idee, eine Geschichte über das damit zusammenhängende Gemeinwohl zu erzählen.
Entstanden ist schließlich die berührende, bedächtig erzählte Geschichte eines in einfachen Verhältnissen lebenden Japaners, der seinen Beruf mit akribischer Sorgfalt ausübt und sich von nichts aus der Ruhe bringen lässt, weder durch seinen jungen Kollegen Takashi, der nicht nur zu spät zur Arbeit kommt und das Putzen eher nebenbei während des Scrollens auf dem Handy erledigt, sondern auch einige von Hirayamas kostbaren Cassetten verkaufen will, um seinen Schwarm zu beeindrucken. Es sind diese kleinen Episoden, die etwas Abwechslung in den beschaulichen Alltag des wortkargen Protagonisten bringen, aber auch für das Publikum. Erst spät wird auch sein familiärer Hintergrund in die Geschichte eingeführt. Bis dahin kommen wir nicht umhin, Hirayama für seine entspannte Lebenseinstellung zu bewundern. Wenn er in der Mittagspause in die Baumkronen schaut und sein tägliches Foto macht, einer jungen Frau zunickt, die ebenfalls dort ihre Pause verbringt und etwas verstört auf das Nicken zum Gruß reagiert, oder mit seiner Nichte auf dem Rad durch die Stadt fährt, erleben wir einen Mann, der glücklich mit dem ist, was das Leben ihm bietet. Damit huldigt Wenders nicht von ungefähr dem großartigen japanischen Filmemacher Yasujirô Ozu, über den er 1985 den Dokumentarfilm „Tokyo-Ga“ drehte und dessen humanistische Filmsprache er hier ebenso adaptiert wie das klassische 4:3 Bildformat. Kôji Yakusho („Die Geisha“, „Babel“) wurde für seine Darstellung der sympathischen Hauptfigur zurecht beim Cannes Film Festival als bester Darsteller ausgezeichnet.
Lou Reed, Van Morrison und Patti Smith sorgen für den passenden Soundtrack zum Leben eines Mannes, der nicht mehr vom Leben verlangt, als es ihm bietet. 

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