The Whale

Zwar hat Brendan Fraser („Der Außenseiter“, „George – Der Mann, der aus dem Dschungel kam“) seit dem Blockbuster-Erfolg mit der „Die Mumie“-Trilogie (1999, 2001, 2008) noch eine Menge Filme und Serien gedreht, aber an seine früheren Erfolge konnte er längst nicht mehr anknüpfen, drohte gar, in der Versenkung von Direct-to-Video-Produktionen zu verschwinden. Da kam ihm die Rolle des 270 Kilo schweren Online-Dozenten Charlie in Darren Aronofskys („A Requiem For A Dream“, „Noah“) Leinwand-Adaption von Samuel D. Hunters Bühnenstück „The Whale“ (2022) gerade recht, bescherte es ihm doch seinen ersten Oscar als bester Hauptdarsteller!

Inhalt:

Charlie (Brendan Fraser) hat es nicht leicht. Vor Jahren schon verließ er seine Frau Mary (Samantha Morton) und seine mittlerweile 17-jährige Tochter Ellie (Sadie Sink), um mit seiner großen Liebe, einem Mann, zusammen sein zu können. Doch nach dessen Tod verarbeitete Charlie seine Trauer mit
Fast-Food-Orgien, so dass er jetzt stolze 270 Kilo auf die Waage bringt und sich nur mit fremder Hilfe von seinem Sofa erheben kann, von wo er nicht nur seine Online-Kurse als Englisch-Dozent abhält – ohne dabei seine angeblich defekte Webcam einzuschalten -, sondern auch Fernsehen guckt und Unmengen an Essen in sich hineinschaufelt. Beim Masturbieren vor einem Schwulen-Porno erleidet Charlie einen Fast-Herzinfarkt, der nicht nur den gerade vorbeischauenden Tür-zu-Tür-Evangelisten Thomas (Ty Simpkins) verstört, sondern auch seine gute Freundin und Krankenschwester Liz (Hong Chau). Ihr ist ebenso wie Charlie selbst sehr bewusst, dass Charlie nicht mehr lange zu leben hat, weshalb er sich sehr bemüht, den eingeschlafenen Kontakt zu seiner Tochter wiederzubeleben. Doch das gestaltet sich schwieriger als erhofft…

Kritik:

Darren Aronofsky hat seit seinem Debüt mit „Pi – System im Chaos“ (1998) nie besonderen Wert auf eine konventionelle Bildsprache und Plotentwicklung gelegt. Das kam vor allem bei seinem verstörenden Drama „Mother!“ (2017) zum Ausdruck. Umso überraschter waren Publikum und Kritiker bei der Sichtung seines nachfolgenden Werks „The Whale“, das zwar immer wieder auf die literarische Beziehung zu Herman Melvilles „Moby Dick“ verweist, aber in erster Linie die Geschichte eines gewöhnlichen Mannes erzählt, der durch den Tod seines Liebsten buchstäblich aus den Fugen geraten ist und die monströse Gestalt eines Wals in Menschengestalt angenommen hat. Nun mag man Charlie bemitleiden oder auch nur verspotten, aber Brendan Fraser verkörpert den an sich so klugen, aber verfressenden Mann so authentisch und einfühlsam, dass man in jeder Minute mit ihm fühlt, auch wenn man sich im ersten Augenblick ekeln mag, wenn er sein Fast Food verdrückt und ihm dabei das Fett am Doppelkinn hinunterläuft. Dass Aronofsky auch noch das einengende 4:3-Format verwendet, macht die raumgreifende Enge, die Charlie in der Szenerie seiner kleinen Wohnung hervorruft, nur noch deutlicher. Zum Glück dreht sich „The Whale“ nicht nur um Charlie und seinen nahenden Tod, sondern erhält durch die Gespräche mit dem jungen Evangelisten, seiner rebellierenden Tochter und schließlich auch seiner Ex-Frau eine emotionale Dimension, die man Aronofsky so nicht zugetraut hätte. „The Whale“ überrascht also gleich in vielerlei Hinsicht und darf zurecht als einer der interessantesten, wenn auch unspektakulärsten Filme des Jahres 2022 gelten.

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