Der Tod und das Mädchen
In den meisten Ländern Südamerikas herrschten in den 1970er
und 1980er Jahren über eine längere Zeit politisch rechtsgerichtete, von den
Vereinigten Staaten unterstützte Militärdiktaturen, die äußerst grausam gegen
die meist links stehende Opposition vorgingen und als gängige Praxis missliebige
Personen durch anonym bleibende Sicherheitskräfte entführen und oft genug
während der Haft in Geheimgefängnissen foltern, erniedrigen, sexuell
missbrauchen und auch töten ließen. Roman Polanski („Chinatown“, „Der
Mieter“) nahm sich dieser Thematik in der Verfilmung von Ariel Dorfmans Theaterstück
„Der Tod und das Mädchen“ (1994) an.
Inhalt:
Fünfzehn Jahre nach dem Ende von einer nicht näher benannten
Militärdiktatur ist der Rechtsanwalt Gerardo Escobar (Stuart Wilson) als
ehemaliger Oppositionsaktivist nun Vorsitzender des Komitees zur Aufklärung von
Menschenrechtsverletzungen zu Zeiten der Militärjunta. In einem einsamen Haus
an der Küste lebt er allein mit seiner Frau Paulina (Sigourney Weaver),
die ebenfalls im Widerstand aktiv war. Eines Nachts, während eines Sturmes, ist
er auf die Hilfe eines Mannes aus seiner Nachbarschaft angewiesen, der ihn nach
einer Autopanne während des Unwetters nach Hause fährt.
Durch das Unwetter ist der Strom ausgefallen, die Telefonleitungen
sind tot. Als der Mann, der Gerardo nach Hause gebracht hat, am späten Abend
zurückkommt, um den defekten Reifen zurückzubringen, den er noch im Kofferraum
hatte, stellt er sich als Dr. Roberto Miranda (Ben Kingsley) vor. Während
Escobar mit Miranda noch einen Drink zu sich nimmt, glaubt seine im
Schlafzimmer verbliebene Frau, den Mann noch aus der Zeit der Diktatur an seiner
Stimme wiederzuerkennen. Als ehemalige Oppositionelle wurde sie, mit
verbundenen Augen, gefoltert und mehrmals vergewaltigt, während dabei Franz
Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ zu ihrer vermeintlichen
Beruhigung lief. Nachdem sie Mirandas Autos die Klippen heruntergestoßen hat,
kehrt sie zum Haus zurück und überwältigt ihren mutmaßlichen Peiniger, fesselt
ihn und bedroht ihn mit einer Waffe, damit er gesteht, was er ihr damals
angetan hat. Doch Miranda behauptet steif und fest, während jener Zeit in
Barcelona tätig gewesen und einer Verwechslung zum Opfer gefallen zu sein.
Escobar ist sich derweil unschlüssig, ob er Mirandas Unschuldsbeteuerungen
glauben oder die Selbstjustiz seiner Frau unterstützen soll…
Kritik:
Eingerahmt von dem festlichen Besuch eines Konzerts, bei dem
Franz Schuberts titelgebendes Streichquartett aufgeführt wird, das von
Paulina unter großer innerlicher Anspannung verfolgt wird, greift Polanski
den Bühnencharakter der Vorlage auf und konzentriert sich im nachfolgenden
Verlauf auf die Räume des von der Außenwelt abgeschnittenen Hauses der
Escobars. Die eigentliche Geschichte und die Zusammenhänge zwischen den drei
Personen entfalten sich erst nach und nach. Als Paulina im Radio von dem durch
den Präsidenten eingerichteten Komitee zur Aufklärung von
Menschenrechtsverletzungen hört und später ihren Mann zur Rede stellt, erahnen
wir zunächst nur das politische Klima und vor allem Paulinas Rolle darin. Aber
erst mit dem Erscheinen ihres mutmaßlichen Peinigers entwickelt sich das
geschickt inszenierte Psychodrama, bei dem es nur vordergründig um Schuld und Wiedergutmachung
geht. Vielmehr wirft Polanski mit „Der Tod und das Mädchen“ die
Frage auf, wie wir in der Gegenwart mit den bekannten Gräueln der Vergangenheit
umgehen, auch jene Menschen, die auf Befehl und nicht aus eigenem Antrieb
andere Menschen folterten, vergewaltigten und töteten. Polanski fällt dabei
kein Urteil, sondern lässt seine Figuren für sich sprechen, und vor allem Sigourney
Weaver („Aliens - Die Rückkehr“, „Die Waffen der Frauen“) und Ben
Kingsley („Gandhi“, „Schindlers Liste“) liefern sich ein grandioses
Psycho-Duell, das es dem Publikum schwermacht, Partei zu ergreifen. Es sind vor
allem die pointierten Dialoge und die mitreißenden Darstellungen, die „Der
Tod und das Mädchen“ zu einem wichtigen Werk darüber machen, ob Gewalt mit
Gewalt verbüßt werden sollte oder wie Opfer und Täter noch nebeneinander in
einer funktionierenden Gesellschaft leben können.


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