1995 schuf Richard Linklater („Nouvelle Vague“, „School
of Rock“) mit „Before Sunrise“ eine der schönsten Liebesgeschichten
der Filmgeschichte. Nachdem sich die von Ethan Hawke und Julie Delpy verkörperten
Figuren in einem Zug kennengelernt haben, verbrachten sie einen Tag in Wien und
lernten sich durch intensive Gespräche näher kennen, verliebten sich gar
ineinander. Neun Jahre später begegneten sich der Amerikaner und die Französin
in Paris wieder, schlenderten in „Before Sunset“ wieder einen Tag lang
durch die Stadt und kamen sich wieder näher. 2013, weitere neun Jahre später
hat sich einiges getan bei Jesse und Celine. „Before Midnight“ präsentiert
das Paar nicht nur in einem neuen Beziehungsstatus, sondern auch sehr
streitlustig.
Inhalt:
Was sich vor neun Jahren in Paris abgezeichnet hat, ist nun Tatsache.
Der amerikanische Schriftsteller Jesse (Ethan Hawke) hat seine Frau und
seinen kleinen Sohn verlassen und ist mit Celine (Julie Delpy) zusammengekommen.
Mittlerweile sind sie Anfang 40 und leben in Paris, wo sie ihre gemeinsamen
Zwillingsmädchen Nina (Charlotte Prior) und Ella (Jennifer Prior)
großziehen. Als Jesse am Ende des Sommerurlaubs, den der Autor auf Einladung
seines Kollegen Patrick (Walter Lassally) mit der Familie auf dem
südlichen Peloponnes in Griechenland verbringt, seinen Sohn Henry (Seamus
Davey-Fitzpatrick) in den Flieger zurück nach Chicago setzen muss, wo
dessen Mutter auf ihn wartet, macht er sich schwere Vorwürfe, dass er die
Kindheit des 13-Jährigen verpasst. Er schlägt Celine daher vor, nach Chicago zu
ziehen, um näher bei seinem Sohn aus erster Ehe zu sein. Die wiederum will auf
keinen Fall zurück in die USA, wo das Paar zwei Jahre in New York gelebt hat.
Vielmehr plant Celine, ein lukratives Jobangebot in Paris anzunehmen. Immerhin
haben die beiden Partner in dieser Situation das erste Mal seit Jahren wieder
die Zeit, bei einem langen Spaziergang miteinander zu reden...
Kritik:
Mit dem „Before“-Zyklus hat Richard Linklater
ein faszinierendes Konzept präsentiert, in dem er die Entwicklung eines Liebespaars
in Abständen von jeweils neun Jahren dokumentiert. Stets wandern sie vor
atemberaubend schönen Kulissen – erst Wien, dann Paris, nun auf dem südlichen
Peloponnes in Griechenland – durch die Straßen und Gegend, um sich in endlosen
Dialogen über ihre beruflichen Perspektiven, familiären Hintergründe, Kinder,
Einstellungen und Vorlieben, Beziehungen, Sex und Liebe zu unterhalten. Dass
die Themen nach 18 Jahren und mittlerweile neun Jahren Beziehung mit zwei gemeinsamen
Töchtern andere sind, macht „Before Midnight“ besonders unterhaltsam,
wobei deutlich wird, dass nach so vielen gemeinsam verbrachten Jahren kaum noch
Rücksicht auf die Gefühle des Anderen genommen wird. Wenn Jesse zu Beginn des
Films seinen halbwüchsigen Sohn am Flughafen verabschiedet, wird schnell
deutlich, dass die Sommerferien, die der Junge bei seinem Vater in Griechenland
verbracht hat, Vater und Sohn einander nicht nähergebracht haben, was Jesse
veranlasst, gegenüber Celine offen den Wunsch zu äußern, mit ihr nach Chicago
zu ziehen, was im Verlauf der Geschichte zu einem Streit führt, der sogar eine
Trennung wahrscheinlich werden lässt. Damit schlägt „Before Midnight“ einen
ganz anderen Ton als die Vorgänger an, in denen Jesse und Celine vorsichtig abzuchecken
versuchten, wie sie zusammenkommen könnten. Mittlerweile steht die
Selbstverwirklichung im Vordergrund, und hier scheinen sich Jesses und Celines
Bedürfnisse mittlerweile auseinanderentwickelt zu haben. Diesen natürlichen
Lauf der Dinge haben Linklater, Hawke und Delpy im gemeinsam geschriebenen
Drehbuch sehr eindrucksvoll eingefangen. Die trügerische Idylle des traumhaft
schönen Urlaubsortes trügt nicht darüber hinweg, dass sich Jesse und Celine überhaupt
nicht mehr verstehen. Man darf also gespannt sein, wie das Wiedersehen in neun
Jahren ablaufen wird…
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