Der Marathon-Mann
Seit den 1960er Jahren liefert Bestseller-Autor William
Goldman mit seinen Romanen und Drehbüchern Stoff für packende
Hollywood-Filme, von „Ein Fall für Harper“ und „Zwei Banditen“
über „Vier schräge Vögel“, „Tollkühne Flieger“ und „Die Frauen von
Stepford“ bis zu „Die Brücke von Arnheim“ und „Die Braut des
Prinzen“. Schließlich schrieb er seinen Roman „Der Marathon-Mann“ eigenhändig
als Drehbuch um, das von John Schlesinger („Der Falke und der
Schneemann“, „Das Ritual“) 1976 auf beklemmend intensive Weise mit Dustin
Hoffman, Laurence Olivier und Roy Scheider in den Hauptrollen
verfilmt wurde.
Inhalt:
Thomas Babington „Babe“ Levy (Dustin Hoffman),
genannt Babe, schreibt als Student der Geschichte an einer Dissertation u.a.
über die McCarthy-Ära, der sein Vater (Allen Joseph) zum Opfer gefallen
ist, indem er wegen der Verfolgungen und Demütigungen durch den „Ausschuss
gegen unamerikanische Umtriebe“ Selbstmord beging. Wenn er nicht gerade in
Bibliotheken abhängt, läuft er im Central Park am Gitter des Sees entlang seine
Runden. Als in New York bei einem tragischen Autounfall der Bruder des
berühmten KZ-Zahnarztes Christian Zell (Laurence Olivier) ums Leben
kommt, der als „Der weiße Engel“ berüchtigt wurde, setzt das Ereignisse in
Gang, von denen auch Babe auf schmerzliche Weise betroffen wird. Szell folterte
jüdische Gefangene und presste ihnen ihre mühsam geretteten Diamanten ab. Nach
seiner Flucht nach Uruguay lagert seine Beute im Schließfach einer New Yorker
Bank, aus dem ihn sein Bruder mittels Kuriere regelmäßig nach Bedarf versorgt
hat. Dessen Tod hat die Versorgungskette unterbrochen, Szell muss reagieren. Er
beschließt, die Diamanten selbst abzuholen. Die Kuriere sind für ihn damit zum
Sicherheitsrisiko geworden.
Babes Bruder Doc (Roy Scheider) war einer der
Kuriere. In Paris entkommt er knapp einem Sprengstoffattentat und auch dem
Anschlag des Killers Chen in seinem Hotel. Babe lernt derweil in der Bibliothek
Elsa Opel (Marthe Keller) kennen und lieben. Die beiden werden im Central
Park überfallen; die Täter, Karl und Erhard (Richard Bright, Marc Lawrence),
sind Helfer von Szell. Als Babe Doc in einem Brief von dem merkwürdigen
Überfall berichtet, will Doc Szell in New York selbst zur Rede stellen. Die
Ereignisse überschlagen sich, als plötzlich Doc blutüberströmt in Babes Wohnung
auftaucht und in den Armen seines Bruders stirbt. Die Ermittlungen führt Peter
Janeway (William Devane), der Babe eröffnet, dass Doc für die CIA
gearbeitet hat. Und dann tauchen wieder die zwei Männer, die Babe und Elsa
bereits im Central Park überfallen haben und Babe nun in ein abgelegenes
Industriegelände entführen, wo er die Bekanntschaft Christian Szells machen
muss…
Kritik:
John Schlesinger beginnt seinen alptraumhaften Thriller mit
einer fast schon komischen Sequenz. Mitten im dichten New Yorker Verkehr
beschimpfen sich zwei alte Autofahrer, wobei sie schließlich herausfinden, dass
der einer von ihnen Deutscher, der andere Jude ist, was den Konflikt zusätzlich
anheizt, bis die Verfolgungsjagd an einem Tanklaster endet und beide Männer bei
der anschließenden Explosion getötet werden. Dass Babe Levy von seinem
Doktorvater ermahnt wird, auch ja die McCarthy-Ära in seiner Dissertation zu
berücksichtigen, scheint mit diesem Vorfall ebenso wenig zu tun zu haben wie
der seltsame Auftritt von Doc in Paris, wo er nur knapp einem Bombenanschlag
entgeht. Erst nach und nach führt Schlesinger diese Handlungsstränge
zusammen, entwickelt ein beklemmendes Szenario, das vor allem von der Gier des
ehemaligen KZ-Arztes nach den jüdischen Diamanten angetrieben wird, die er nach
dem Tod seines Bruder selbst an sich bringen muss und dafür keine Kosten und
Mühen, Personal und Foltermethoden scheut, an dieses Ziel zu kommen. Von Conrad
L. Halls („Zwei Banditen“, „American Beauty“) fieberhaften Bildern
eingefangen und vom Verschwörungs-Experten Michael Small („Klute“, „Zeuge
einer Verschwörung“) kongenial vertont, inszeniert Schlesinger ein
klaustrophobisches Thriller-Szenario, das von dem verstörenden Plot ebenso lebt
wie von der düsteren Atmosphäre und den stark gezeichneten Figuren, die von Dustin
Hoffman, Laurence Olivier, Marthe Keller, William Devane und Roy
Scheider großartig verkörpert werden. Vor allem Dustin Hoffman überzeugt
als junger Mann, der seinem großen Vorbild, dem äthiopischen Marathon-Läufer Abebe
Bikila, nacheifert und über sich hinauswachsen muss, um seinen Häschern zu
entkommen.




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