The Man Who Wasn’t There
Ein Film der Brüder Joel und Ethan Coen lädt stets
dazu ein, ein wenig in der Filmgeschichte herumzuspazieren und genüsslich die
Verweise auf zitierte Genres zu identifizieren. Im Fall von „The Man Who
Wasn’t There“ (2001) fällt auch dies besonders leicht. Allein die
brillanten Schwarzweiß-Bilder des Oscar-prämierten Kameramanns Roger Deakins
(„No Country For Old Men“, „Sicario“, „Skyfall“) und die lakonische
Performance von Billy Bob Thornton in der Titelrolle verorten das Coen-Meisterwerk
in die Welt des klassischen Film noir.
Inhalt:
Ende der 1940er Jahre arbeitet der wortkarge Ed Crane (Billy
Bob Thornton) als Friseur im Salon seines Schwagers in der kalifornischen
Kleinstadt Santa Rosa. Kurz vor Ladenschluss übernimmt Ed den auswärtigen
Kunden Creighton Tolliver (Jon Polito), der vergeblich versucht hat, den
Kaufhausbesitzer Big Dave (James Gandolfini) als Partner für die neue
Geschäftsidee der chemischen Trockenreinigung zu gewinnen. Big Dave ist nicht
nur der Arbeitgeber von Cranes Ehefrau Doris (Frances McDormand), sondern
auch – wie Ed zu Recht vermutet – deren Liebhaber. Der einfältige Ed sieht die Chance gekommen, sich an einem lukrativen Geschäft
beteiligen und endlich aus seinem eintönigen Alltag ausbrechen zu können. Dafür
trifft die folgenschwere Entscheidung, das erforderliche Startkapital für
Tolliver von 10.000 US-Dollar von Big Dave zu erpressen, indem er ihm einen
anonymen Brief schreibt und damit droht, sein Verhältnis mit Cranes Ehefrau in
der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Big Dave erklärt sich bereit, die Summe
zu bezahlen, offenbart Ed allerdings, dass ihn diese Geschichte ruinieren würde
und er die geplante Neueröffnung einer weiteren Filiale, deren Leitung er Doris
anvertrauen wollte, nicht realisieren könne. Er findet allerdings auch heraus,
dass Ed der Erpresser ist. Bei dem Versuch, Ed zu töten, wird er allerdings von
seinem vermeintlichen Opfer in Notwehr erstochen. Allerdings muss sich Doris
vor Gericht wegen Mordes verantworten, da Doris die Bücher der Firma frisiert
hat und sie deshalb von Dave bedroht worden sei. Für die Verteidigung seiner
Frau heuert Ed auf Anraten des örtlichen Anwalts Walter Abundas den
Spitzenanwalt Freddy Riedenschneider (Tony Shalhoub) aus Sacramento an.
Dessen Honorar kann Ed nur aufbringen, indem Doris’ Bruder seinen Friseursalon
an eine Bank verpfändet. Während seine Frau im Gefängnis auf ihren Prozess
wartet, verbringt Ed viel Zeit bei der Tochter des Kleinstadtanwalts Walter
Abundas (Richard Jenkins), der klavierspielenden Birdy (Scarlett
Johansson)…
Kritik:
Wenn der kluge Staranwalt Freddy Riedenschneider in seinem
Plädoyer die Heisenbergsche Unschärferelation anbringt und darauf verweist,
dass je genauer man etwas betrachtet, desto weniger man davon weiß, ist damit
auch schon viel über „The Man Who Wasn’t There“, denn als Zuschauer sind
wir ganz auf den unzuverlässigen Erzähler Ed Crane angewiesen, der die
Vorgeschichte des Verbrechens, das er begangen und für das seine Frau zur
Rechenschaft gezogen werden soll, aber auch deren Ausgang schildert – und zwar
in der Reihenfolge und mit den Schlaglichtern, die dem Erzähler wichtig
erscheinen. Dabei erscheint Ed Crane von Beginn an als das perfekte Opfer eines
klassischen Film noir, als einfacher Mann, der durch Umstände, die er nicht zu
verantworten hat, zu einer fatalen Fehleinschätzung kommt und damit die
tragischen Ereignisse in Gang setzt. Die ruhige Inszenierung, die fast schon
kargen, expressionistischen Schwarzweiß-Bilder und der fast schon apathisch
wirkende Billy Bob Thornton als einfacher Frisör und Erzähler aus dem
Off verweisen allzu deutlich auf ein Genre, das maßgeblich von James M. Cain
geprägt worden ist, der die Vorlagen für Noir-Klassiker wie „Frau ohne
Gewissen“ (1944), „Solange ein Herz schlägt“ (1945) und „Im Netz
der Leidenschaften“ (1946) schuf und auf den sich die Coen-Brüder hier
explizit beziehen. Doch die Filmemacher präsentieren mit ihrem Film nicht nur
eine simple Hommage an die Schwarze Serie, sondern verknüpfen ihr Werk auf
humorvolle Weise mit dem Science-Fiction-Film der 1950er Jahre und dem klassischen
Gangsterfilm. Die eindrucksvollen Bilder, die zunehmend groteske Geschichte,
wie sie nur die Coens ersinnen können, und das wunderbare Schauspiel-Ensemble
machen „The Man Who Wasn’t There“ zu einem der besten Werke in dem Coen-Universum.




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