Licht im Dunkel
Mit Werken wie „Ein Mann wird gejagt“ (1966), „Bonnie
und Clyde“ (1967), „Little Big Man“ (1970) und „Die heiße Spur“ (1975)
avancierte Arthur Penn zu einem der prominentesten Aushängeschilder
der New-Hollywood-Bewegung, doch schon mit seinem Leinwanddebüt, dem Paul-Newman-Western
„Einer muss dran glauben“ (1958), und vor allem mit seinem zweiten Werk,
der Adaption des erfolgreichen Bühnenstücks „The Miracle Worker“ von William
Gibson bewies Penn seine Meisterschaft.
Inhalt:
Helen (Patty Duke) ist nach einer fieberhaften
Erkrankung im Babyalter taub und blind. Ihre Umwelt nimmt sie tastend und
riechend auf, vermag aber ihre eigenen Bedürfnisse nicht zum Ausdruck zu
bringen. Ihre Frustration bringt sie durch plötzliche Wutausbrüche und
unangemessenes Verhalten zum Ausdruck. So isst sie bei Tisch nicht vom Teller
mit Besteck, sondern klaubt sich mit den Händen das von den Tellern ihrer
Familie, was sie eben zu greifen bekommt. Ihre besonnene, liebevolle Mutter Kate
(Inga Swenson) nimmt dieses Verhalten klaglos hin, der patriarchalische
Bürgerkriegsveteran Arthur (Victor Jory), der von seiner Frau nur
Captain genannt wird, denkt jedoch schon daran, die Siebenjährige in ein Heim
abzuschieben. Kate kann jedoch erwirken, dass sich eine speziell ausgebildete
Lehrerin Helen annimmt. Mit Anne Sullivan (Anne Bancroft) kommt 1887
eine sehbehinderte junge Lehrerin in Tuscumbia, Alabama, an, die auf eine
bewegte Vergangenheit in Kinderheimen und den frühen Tod ihres verkrüppelten
jungen Bruders zurückblickt. Anne erkennt bei ihrer erst ersten Anstellung,
dass man Helen nur helfen kann, wenn man sie dem Einfluss ihrer verhätschelnden
Mutter und ihres leicht erzürnbaren Vaters entzieht. Der Vater und Helens
älterer Bruder James (Andrew Prine) begegnen der unerfahrenen Anne mit
ihren neuartigen Methoden zunächst mit unverhohlener Skepsis.
Anne wird erlaubt, sich mit Helen für zwei Wochen in ein
Gartenhaus zurückzuziehen, um ungestört mit ihr arbeiten zu können. Doch Helen,
die ihren eigenen Kopf hat, verweigert die Mitarbeit. Immerhin hat sie aber
nach zwei Wochen gelernt, sich selbst anzukleiden, mit dem Besteck zu essen und
das Alphabet durch Berührungen zu erkennen. Die Eltern sind von diesen
Fortschritten der Erziehung begeistert. Helen kann aber noch immer nicht
nachvollziehen, dass die Wörter, die sie so buchstabiert, die Namen der Objekte
sind, die sie berührt. Anne bittet um weitere Tage, doch die Eltern wollen das
Kind wieder zurück im Haus haben. Hier verfällt Helen am Essenstisch wieder in
ihre ursprüngliche Wildheit, laut Anne, um ihre Eltern auf die Probe zu stellen…
Kritik:
William Gibson hatte bereits das Drehbuch für 1957
ausgestrahlte und von Arthur Penn inszenierte Episode „The Miracle
Worker“ im Rahmen der 90-minütigen Live-Show „Playhouse 90“ geschrieben
und dabei die Autobiografie von Helen Keller adaptiert, die seit
frühester Kindheit taub und blind war und als hoffnungsloser Fall galt, bis sie
1887 durch ihre Hauslehrerin Anne Sullivan mühsam die Gebärdensprache
erlernte und in der Folge zu einer hochgebildeten Frau heranwuchs, die trotz
ihrer seinerzeit quasi nicht kompensierbaren Behinderung ein erfülltes Leben
genoss.
Nachdem Gibson und Penn auch das darauf
basierende Theaterstück mit Anne Bancroft und Patty Duke in den
Hauptrollen ab 1959 über 700-mal am Broadway zum Besten gegeben hatten, wurde
ihnen auch die Leinwand-Adaption übertragen, wobei sich Penn gegenüber dem
Studio United Artists durchsetzen konnte, mit seinem bewährten Darstellerinnen-Duo
arbeiten zu dürfen, nachdem das Studio Elizabeth Taylor oder Audrey
Hepburn bevorzugt hatte. Tatsächlich besticht das physisch sehr fokussierte
Drama vor allem durch die Performance der beiden Oscar-prämierten
Darstellerinnen. Penn vermeidet jede Rührseligkeit und stellt die
Beziehung zwischen dem taubblinden Mädchen und der engagierten Lehrerin ganz in
den Mittelpunkt. Den Einfluss von Helens Familie bringt er nur dann ins Spiel,
wenn es um die Erklärung von Helens aggressivem Ungehorsam geht. Die Intensität
der Ausbildung, des Kampfes um Disziplin und verständliche Kommunikation macht „Licht
im Dunkel“ zu einem ausdrucksstarken Drama, das von Ernesto Caparrós
(„Hochzeitsnacht vor Zeugen“) in kontrastreichen Schwarzweiß-Bildern
eingefangen und von Laurence Rosenthal („Meteor“, „Kampf der Titanen“)
einfühlsam vertont worden ist.
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