Stanley Kramer (1913-2001) ist nicht nur wegen der vielen Meisterwerke
(„Das Urteil von Nürnberg“, „Das Narrenschiff“, „Wer den Wind
säht“), die mit ihm als Regisseur entstanden sind, berühmt geworden,
sondern zählt auch zu den jüngsten wirklich unabhängigen Filmemachern. Mit seiner
eigenen Produktionsfirma Screen Plays Inc. widmete er sich historischen,
sozialpolitischen wie gesellschaftskritischen Stoffen und versah sie mit einer
oft überdeutlichen Botschaft. Das trifft auch auf das Rassismus-Drama „Flucht
in Ketten“ (1958) zu, das die beiden Oscar-nominierten Hauptdarsteller Tony
Curtis und Sidney Poitier zu Höchstleistungen anstachelte.
Inhalt:
Als ein Gefangenentransport bei widrigen Wetterverhältnissen
in der Nacht von der Straße abkommt und das Fahrzeug einen Abhang
hinunterstürzt, gelingt es den beiden aneinandergeketteten Häftlingen John
„Joker“ Jackson (Tony Curtis) und Noah Cullen (Sidney Poitier) die
Flucht. Während Sheriff Muller (Theodore Bikel) die Jagd auf die beiden
Flüchtlinge organisiert und die Verantwortung dafür trägt, dass den beiden Männern
nichts geschieht, wenn die Spürhunde auf sie angesetzt werden, sind John und
Noah vor allem damit beschäftigt, ihre unterschiedlichen Standpunkte einander
klarzumachen, wenn nötig auch mit Gewalt. John ist ein von sich überzeugter
Weißer, der für Schwarze nichts übrighat; Noah ein Schwarzer mit losem Mundwerk
und der Überzeugung, alle Weißen seien arrogant und ungerecht. Nachdem sie sich
erst einmal auf eine Richtung geeinigt und erkannt haben, dass sie aufeinander
angewiesen sind, entwickeln sie mit der Zeit Respekt und sogar Zuneigung
zueinander. Als sie nachts in einem Dorf in eine Tankstelle einbrechen, werden
sie von den Bewohnern gefangen genommen. Ein ehemaliger Häftling, der im Dorf
lebt, verhindert einen Lynchmord und verhilft den beiden heimlich zur Flucht. Schließlich
gelangen sie zu einer Farm, die nur von einer Frau (Cara Williams) und
ihrem Jungen Billy (Kevin Coughlin) bewirtschaftet wird. Dort erhalten
sie nicht nur Essen und werden von der Kette befreit, die Frau findet sogar
besonderen Gefallen an John, in dem sie die Chance auf ein neues Leben sieht.
Doch John ist nicht bereit, dafür das Leben von Noah zu opfern…
Kritik:
Als sich Sheriff Mueller mit der Organisation der Suche nach
dem flüchtigen Sträflings-Duo befasst, kommt er nicht umhin festzustellen, dass
der Gefängnisdirektor eine merkwürdige Art von Humor besitzen muss, wenn er
einen weißen und einen schwarzen Mann, die sich einander nicht ausstehen
können, aneinanderkettet. Es ist aber genau diese Konstellation, der das Drama „Flucht
in Ketten“ seine Spannung verdankt. John und Noah haben keine Zeit, in Ruhe
ihre Differenzen und unterschiedlichen Standpunkte auszudiskutieren. Zunächst
müssen sie sich über ganz pragmatische Dinge einigen und schlicht auch einander
helfen, denn ihr Schicksal ist untrennbar miteinander verbunden. Sie müssen
schnell vorankommen, denn natürlich wird nach ihnen gesucht, und sie arbeiten
schließlich auch Hand in Hand zusammen, um nicht entdeckt und gefangen zu
werden. Doch über alle Differenzen und Notwendigkeiten hinaus entdecken die
beiden Männer mit der Zeit, dass sie nur Menschen mit ähnlichen Träumen sind.
Die Wandlung der beiden Schicksalsgefährten ist zwar sehr vorhersehbar, die
rassistische Thematik arg überstrapaziert, doch die gelungenen Dialoge, die
ausdrucksvolle Schwarzweiß-Fotografie von Sam Leavitt („Anatomie eines
Mordes“, „Ein Köder für die Bestie“), die überzeugende Inszenierung in der
freien Natur und die beiden auch physisch geforderten Hauptdarsteller machen „Flucht
in Ketten“ zu einem zeitlosen Klassiker.
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