Don't Worry, weglaufen geht nicht

Dass Gus Van Sant ein großes Interesse an einzigartigen Persönlichkeiten hat, denen er in seinen Filmen ein Denkmal setzen kann, hat er bereits mit „Last Days“ (über Kurt Cobain) und seinem Oscar-prämierten Meisterwerk „Milk“ (2008) dokumentiert, in dem Sean Penn auf meisterhafte Weise den homosexuellen politischen Aktivisten Harvey Milk verkörperte. In „Don’t worry, weglaufen geht nicht“ widmet er sich dem Leben des 2010 verstorbenen US-amerikanischen Cartoonisten John Callahan. Zwar hat Van Sant mit Joaquin Phoenix erneut einen grandiosen Darsteller für die Hauptrolle und dazu weitere namhafte Schauspieler in Nebenrollen verpflichten können, doch die Klasse von „Milk“ erreicht das durchaus humorvolle Drama bei weitem nicht.
Der John Callahan (Joaquin Phoenix) kommt nicht damit klar, dass seine irische Mutter ihn als Kind weggegeben hat, und verbringt sein Leben im exzessiven Alkohol- und Partyrausch. Als er auf einer Party den unterhaltsamen Dexter (Jack Black) kennenlernt und dieser ihn zu einer anderen Party mit noch heißeren Bräuten einlädt, kippen sie sich unterwegs in einer Bar noch einmal richtig einen hinter die Binde. Die Weiterfahrt in Johns VW Käfer verbringen die beiden im Vollrausch. Als Dexter am Steuer kurz wegnickt und wieder aufwacht, verwechselt er deshalb die Ausfahrt mit einem Strommasten. Während Dexter nur ein paar Schrammen abbekommt, wacht John im Krankenhaus auf, wo ihn der behandelnde Arzt mit der erschütternden Wahrheit konfrontiert, dass er den Rest seines Lebens querschnittsgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt sein wird. Zwar bekommt er von der lebensfrohen Schwedin Annu (Rooney Mara) aufmunternden Besuch, doch hat ihn davon abgesehen jeder Lebensmut verlassen, weshalb er weiter trinkt. Erst die wiederkehrende Vision von Akrobaten im Park und die Erscheinung seiner Mutter im Traum rufen eine Kehrtwende in Johns Leben hervor. Er schließt sich den Anonymen Alkoholikern unter Leitung des charismatischen Donny (Jonah Hill) an und fängt an, mit eigenwilligen Karikaturen wieder sein Selbstbewusstsein zurückzugewinnen …
Robin Williams, der mit Gus Van Sant an „Good Will Hunting“ zusammengearbeitet hatte, hatte sich mit dem Tod von John Callahan (1951-2010) die Rechte an dessen Autobiografie „Don’t Worry, weglaufen geht nicht“ gesichert und Van Sant den Vorschlag gemacht, diese zu verfilmen. Dabei konzentriert sich der Filmemacher ganz auf die beiden Wendepunkte in Callahans Leben, den tragischen Unfall, den dieser 1972 im Alter von 21 Jahren mit den Folgen einer Querschnittslähmung erlitten hatte, und die Karriere als Cartoonist, der über die Zwölf Schritte bei den Anonymen Alkoholikern wieder ins Leben zurückfand. Joaquin Phoenix („A Beautiful Day“, „Walk the Line“) überzeugt dabei einmal mehr in der Darstellung einer vielschichtigen Persönlichkeit.
Der Film beginnt kurz vor dem tragischen Unfall, umreißt in wenigen Szenen, wie John Callahan nach seinem Umzug von Oregon nach Los Angeles sein Leben allein mit Alkohol und Partys verbringt, und nimmt sich anschließend viel Zeit, den Alltag des Querschnittsgelähmten zu beschreiben, der neben seinem Kopf nur sehr eingeschränkt seine Arme bewegen konnte. Viel Zeit nehmen die AA-Sitzungen in Anspruch, wobei Jonah Hill („The Wolf of Wall Street“, „21 Jump Street“) als homosexueller Mentor kaum wiederzuerkennen ist, aber seine Rolle mit viel Charisma und Humor ausfüllt. Daneben tummeln sich Beth Ditto (Gossip), Mark Webber („Green Room“, „The End of Love“), Kim Gordon („Der Nachtmahr“, „I’m Not There“) und Udo Kier („Blade“, „Downsizing“) unter Callahans Leidensgenossen. Allerdings nehmen diese Treffen so viel Raum in den Film ein, dass der Film wie ein Promo-Video für die AA wirkt. Dabei hätten die Beziehungen zu Annu und das späte Wiedersehen mit Dexter durchaus mehr Potenzial gehabt, entwickelt zu werden. Dafür präsentiert Van Sant sehr gelungen, wie Callahan mit seinen einzigartigen Cartoons, in denen er sich über körperliche Unzulänglichkeiten ebenso amüsierte wie über Schwule, Alkoholiker, Katholiken und Bettler. Obwohl der Film einige sehr komische Szenen bereithält, hätte er mehr von diesem schrägen Humor aus Callahans Cartoons vertragen können. Jack Black und Rooney Mara können in ihren wenigen Szenen durchaus Akzente setzen, hätten aber auch mehr Leinwandzeit vertragen können, um dem Drama eine etwas ausgewogenere Linie zu verleihen. So pendelt „Don’t Worry, weglaufen geht nicht“ allzu stark zwischen den Gegensätzen des in Selbstmitleid versinkenden Säufers und des seeligen Cartoonisten mit Freundin, der vor vollen Sälen Vorträge hält und mit seinen Cartoons in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht wird.
"Don't Worry, weglaufen geht nicht" in der IMDb

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