Verführerischer Mond
1993 schuf der chinesische Filmemacher Chen Kaige mit
dem epischen Drama „Lebewohl, meine Konkubine“ ein international gefeiertes
Meisterwerk, das vor dem Hintergrund der gleichnamigen berühmten Peking-Oper das
Schicksal zweier Männer im Verlauf eines halben Jahrhunderts chinesischer
Geschichte erzählte und dabei Tabuthemen wie Homosexualität und politischen
Verrat einfließen ließ. Drei Jahre später führt er die beiden Hauptdarsteller Gong
Li und Leslie Cheung in seinem weitaus harmloseren Liebesdrama „Verführerischer
Mond“ wieder zusammen.
Inhalt:
Mit der Abdankung von Kaiser Puyi befindet sich auch der
einst wohlhabende Pang-Clan im Niedergang. Der dreizehnjährige Zhongliang (Leslie
Cheung) kommt auf das Anwesen der Pangs, um bei seiner Schwester Xiuyi (Saifei
He) und ihrem Mann Zhengda (Yemang Zhou) zu leben, einem
Opiumsüchtigen und Sohn des Familienoberhaupts. Ruyi (Gong Li), die
Tochter des Familienoberhaupts, wurde von Geburt an opiumabhängig erzogen und
kann daher nicht verheiratet werden; sie tobt fröhlich über das Anwesen, als
Zhongliang eintrifft. Duanwu (Kevin Lin), ein Cousin ohne
Zukunftsperspektive, möchte gern mit Ruyi spielen. Alle drei stehen kurz in
derselben Tür. Zhongliang wird wie ein Diener behandelt und muss unter anderem
Zhengdas abendliche Opiumpfeife vorbereiten. Es scheint, dass Zhengda
Zhongliang sexuell missbraucht, indem er ihn zwingt, mit Xiuyi zu schlafen.
Nach sechs Monaten andauernder Misshandlungen flieht Zhongliang vom Anwesen.
Zehn Jahre später ist Zhongliang ein Gigolo geworden, der im
Auftrag seines Bosses Biggie (Yin Tse) reiche, verheiratete Frauen
verführt, um sie zu erpressen. Auf dem Anwesen der Familie Pang ist Zhengda
seit zehn Jahren schwer krank; er kann sich weder bewegen noch sprechen. Als
ihr Vater stirbt, wird Ruyi daher zum Familienoberhaupt ernannt. Die
Familienältesten weigern sich, einer Frau die volle Kontrolle über das
Schicksal der Familie zu überlassen, da Frauen als „schwach“ gelten. Duanwu
steht außerhalb der Thronfolge und kann daher selbst keine Ambitionen auf die
Führung der Familie hegen. Aus diesem Grund wird er zu Ruyis Assistenten
ernannt. Als Ruyi jedoch ihre Autorität nutzt, um die Konkubinen ihres Vaters
und Bruders zu verstoßen, unterstützt Duanwu sie gegen den Willen der Ältesten.
Wütend schlagen diese ihn wegen seines angeblichen Mangels an Männlichkeit.
Ruyi argumentiert, dass die Konkubinen die Freiheit erhalten haben, nach der
sie sich sehnt und die ihr selbst verwehrt bleibt.
Biggie, der es auf das Vermögen der Familie Pang abgesehen
hat, schickt Zhongliang zurück auf das Anwesen, um Ruyi zu verführen. Als Zhongliang
in den Palast zurückkehrt, entwickelt sich zwischen Ruyi, Zhongliangs
Schwester und den beiden Männern ein zunehmend rauschhaftes Geflecht der
Gefühle, das, vom Opium angefeuert, seiner tragischen Auflösung entgegentreibt…
Kritik:
Als 1911 die Revolution in China eine 200-jährige Ära der
absolutistischen Monarchie und eine Abfolge von Dynastien beendet, ist in dem opulenten
Palast der Pang-Familie zunächst nur wenig von dem historischen Umbruch zu
spüren. Hier entwickelt Kaige eine dramatische, in sich nahezu
abgeschlossene Familiensaga, die sich dennoch wie eine Reflexion zur Lage im
Reich der Mitte anfühlt. Das wird bereits in der wegweisenden Eingangssequenz
deutlich, wenn das übermütige Mädchen Ruyi wie ein Wirbelwind durch die Flure
und Räume fegt und damit mehr als nur sinnbildlich die Weltordnung der Pangs
durcheianderbringt, doch das von Indien durch die Engländer nach China eingeführte
Opium beendet schon früh die Zukunftsaussichten der Jüngeren, auch wenn sich
Ruyi als neues Familienoberhaupt zunächst rebellisch gibt und die nun nutzlosen
Konkubinen entlässt. Doch da sie sich wegen ihrer Sucht nicht verheiraten
lässt, driftet sie zwischen den beiden Männern in ihrem Leben unglücklich hin
und her, wie auch Zhongliang nach seiner mutmaßlichen Misshandlung und der von
Ruyi ungeliebte Duanwu auf ihre je eigene Tragödie zusteuern.
„Verführerischer Mond“ funktioniert zwar als Drama
des Übergangs zwischen Alt und Neu, bleibt aber dem sinnlichen Drama verhaftet,
deren Figuren bei aller Tragik etwas blass bleiben, aber ihre tiefe Tragödie
ist von Wong Kar-Wais Stammkameramann Christopher Doyle („Der
Klang der Liebe“, „2046“) wunderschön fotografiert.

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