Auch wenn Sydney Pollack in seiner langjährigen
Karriere bereits romantische Stoffe wie „Dieses Mädchen ist für alle“
und „So wie wir waren“ inszeniert hat, ist er eher für Dramen und
Thriller wie „Yakuza“, „Die drei Tage des Condor“ und „Die
Sensationsreporterin“ bekannt geworden. 1982 drehte er mit „Tootsie“
allerdings eine feinsinnige Travestie-Komödie, die mit zehn Oscar-Nominierungen
bedacht wurde – allerdings konnte nur Jessica Lange als beste
Nebendarstellerin die Trophäe in Empfang nehmen. Die eigentliche Sensation des
Films ist aber das Zusammenspiel von Dustin Hoffman und Regisseur Sydney
Pollack als Agent eines Schauspielers, der für eine Rolle in Frauenkleider schlüpft
und so für einige Unruhe auch neben dem Set sorgt.
Inhalt:
Michael Dorsey (Dustin Hoffman) versucht seit Jahren
vergeblich, als Schauspieler engagiert zu werden, nervt mit seinem Hang zum
Perfektionismus allerdings jeden Regisseur zu Tode, so dass niemand mehr mit
ihm arbeiten will, wie ihm sein Agent George Fields (Sydney Pollack)
eines Tages eröffnet. Selbst als Tomate in einem Werbespot trieb er den
Regisseur zur Verzweiflung, weil sich Michael weigerte, sich zu setzen. Enttäuscht
über die jüngste Absage beschließt Michael, sich auf die Rolle in der populären
Krankenhaus-Soap „Southwest General“ zu bewerben, für die bereits die
befreundete Kollegin Sandy (Teri Garr) erfolglos vorgesprochen hatte. In
der Verkleidung einer Frau stellt er sich als Dorothy Michaels vor und kann
durch seine Durchsetzungskraft und sein Improvisationstalent den Part
ergattern. Doch was als Notlösung gedacht war, um mit der Gage das Theaterstück
seines Freundes Jeff (Bill Murray) zu finanzieren, wirft immer mehr
Probleme auf. Nicht nur, dass er Sandy mit Sex vertröstet, er verliebt sich in
seinen alleinerziehenden Co-Star Julie (Jessica Lange), die eine Affäre
mit ihrem Regisseur Ron Carlisle (Dabney Coleman) unterhält, während ihm
selbst mehrere Männer nachstellen, darunter sogar Julies Vater Les (Charles
Durning)...
Kritik:
Nachdem der komische britischen Dreiakter „Charleys Tante“
von Brandon Thomas erst einmal das Eis gebrochen hatte, diente das Stück
seit seiner Uraufführung 1892 als Inspiration für viele Komödien dieser Art. In
der schicken Umgebung der New Yorker Theaterszene hat Sydney Pollack
eine Komödie inszeniert, die zwar auch die Rollenbilder von Mann und Frau
thematisiert, in erster Linie aber einen amüsanten Reigen verdrehter
Beziehungen darstellt. Erst als Frau kann Michael der Mann sein, der er als
Mann nie sein konnte, so die Quintessenz der temporeichen Posse, in der zwar
auch die aufwendige Verwandlung eines Mannes zur Frau samt Zupfen der
Augenbrauen, Abdecken des Bartschattens, Abklemmen des Penis und das Tragen die
weiblichen Konturen verstärkender Unterwäsche ins Spiel bringt, ohne diese aber
zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Es ist eben Mittel zum Zweck, und der
besteht darin, eine Rolle auszufüllen. Inwieweit das noch zum Method Acting
gehört oder schon als Betrug anzusehen ist, darüber streiten sich Michael und
sein aufgebrachter Agent vortrefflich. Neben diesen Screwball-artigen Dialogen
sind es aber auch die anrührenden Szenen zwischen der verunsicherten Julie und Dorothy,
die mehr füreinander empfinden, als es ihnen ihre Geschlechterrollen
zugestehen. Natürlich fliegt der ganze Schwindel am Ende auf, doch bei aller
Vorhersehbarkeit sind es vor allem Dustin Hoffmans („Rain Man“, „Wer
Gewalt sät“) großartige Darstellung als Michael und Dorothy (die sogar getrennt
im Abspann aufgeführt werden) und der sprühende Dialogwitz, die „Tootsie“
zu einem klassischen Feel-Good-Movie machen.
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