Fatih Akins Werksbiografie ist auch deshalb so
interessant, weil man nie weiß, was als Nächstes kommt. Ob er von italienischen
Gastarbeitern („Solino“), mehr oder weniger schwierigen Liebesgeschichten
(„Gegen die Wand“, „Im Juli“), schockierenden Kiezschicksalen („Der
goldene Handschuh“) oder historischen Kriegsverbrechen („The Cut“) erzählt,
Akin versteht es, sein Publikum mitzureißen, weil er selbst von dem Thema
gefesselt ist. Das bekommt man bei seinem 2017 inszenierten Thriller-Drama „Aus
dem Nichts“ besonders deutlich zu spüren, setzt sich der Filmemacher doch
mit den Morden auseinander, die die rechtsextreme Terrorzelle NSU
(Nationalsozialistischer Untergrund) zwischen 2000 und 2006 in verschiedenen
deutschen Großstädten aus rassistischen Motiven verübt hat und bei deren
Aufklärung sich die deutschen Ermittlungsbehörden nicht gerade mit Ruhm
bekleckert haben.
Inhalt:
Nachdem er seine Haftstrafe wegen Drogenhandels verbüßt hat,
ist der türkischstämmige agnostische Kurde Nuri Sekerci (Numan Acar) ein
anderer Mensch. Er hat im Knast nicht nur BWL studiert, sondern auch seine Katja
(Diane Kruger) geheiratet. Nun ist er Geschäftsmann, der seine Brötchen
vor allem mit Übersetzungen verdient. Das Familienglück wird jedoch jäh
zerstört, als eine vor seinem Büro explodierte Nagelbombe sowohl Nuri als auch
den gemeinsamen sechsjährigen Sohn Rocco (Rafael Santana) tötet. Die Polizei
vermutet, dass Nuri nach wie vor mit Drogen gehandelt hat und einem Racheakt
zum Opfer gefallen ist. Als Hauptkommissar Gerrit Reetz (Henning Peker) deshalb
mit einem Durchsuchungsbeschluss seine Kollegen das Haus der Sekercis auf den
Kopf stellen lässt, erwischt er die Witwe dabei, wie sie mit Drogen ihren
Schmerz zu betäuben versucht. Dass Katja beim Verhör auf eine deutsche Frau
hinweist, die am Tatort vor der Explosion ein Fahrrad mit einem
Gepäckträgerkoffer abgestellt hat, ohne es abzuschließen, scheint die Polizei
nicht zu interessieren. Erst als die Neonazi-Eheleute André (Ulrich
Friederich Brandhoff) und Edda Möller (Hanna Hilsdorf) als
Hauptverdächtigte festgenommen werden und ihnen der Prozess gemacht wird,
scheint Katja und ihrer Familie Gerechtigkeit zu widerfahren…
Kritik:
Dass Fatih Akin als Deutscher mit türkischen Eltern
ein Problem mit der jahrelangen Schlamperei der Polizei mit den rassistisch motivierten
Morden hat, die erst fünf Jahre später aufgeklärt werden konnten, ist seinem
eindringlichen Drama „Aus dem Nichts“ von den ersten Szenen an
anzumerken, denn er fokussiert sich ganz auf die Familie der Opfer, vor allem
auf Katjas Leben voller Verlustschmerz und Wut. Ihre destruktiven Gefühle
richten sich zunächst gegen sich selbst, und Diane Kruger („Troja“, „Sehnsüchtig“)
zeigt sich in ihrer ersten deutschsprachigen Rolle in der Form ihres Lebens.
Ihrem verheulten Gesicht, ihrem tätowierten Körper und ihrer grimmigen Mimik
sieht man jederzeit an, was gerade in ihr vorgeht, wie sie zwischen
Verzweiflung, Wut und Trauer schwankt, ihrem Gefühlschaos mit Drogen
beizukommen versucht, schließlich mit einem versuchten Selbstmord ihren
Schmerzen ein Ende zu bereiten versucht. Mit der Nachricht, dass die Mörder
ihres Mannes und ihres Sohnes gefasst worden seien, ändert sie ihre
Einstellung, wechselt in den Kampfmodus. In einem fesselnden Prozess wird eine
wasserdicht erscheinende Anklage geschickt aufgeweicht, bis Katja selbst für
Gerechtigkeit sorgen muss. Akin bedient sich hier der klassischen
Mechanismen des Rachethrillers. Er versucht gar nicht erst, eine neutrale
Position einzunehmen. Ihn kümmern nicht die Täter. Stattdessen attackiert er
schonungslos die schlampige Arbeit der Polizei und nimmt stets die Perspektive
der Angehörigen der Opfer ein. Natürlich wirkt hier „Aus dem Nichts“
wenig differenziert, aber allein durch Diane Krugers kraftvolle und
eindringliche Performance entwickelt das Drama eine kathartische Wucht, die
ihresgleichen sucht.
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