Nagisa Ōshima war als Vertreter der „Nuberu bagu“, der
Neuen Welle im japanischen Kino, seit jeher an Tabuthemen in der japanischen Gesellschaft
interessiert, wobei vor allem sein 1976 entstandenes Werk
„Im Reich der
Sinne“ sein international bekanntester Film geriet, der auch bei der Berlinale
lief. Das damals skandalöse, kurzzeitig beschlagnahmte Werk gilt heute als
Klassiker des erotischen Autorenkinos, verschmolz geschickt Erotik, Gewalt und Tod
zu einem pornografisch anmutenden Liebesdrama.
Inhalt:
Kichizō (Tatsuya Fuji) ist der Besitzer eines
Geisha-Hauses, in dem Abe Sada (Eiko Matsuda) als Dienerin und
Prostituierte arbeitet. Zwischen den beiden entwickelt sich eine
leidenschaftliche Beziehung. Kichizō verlässt schließlich seine Familie, um
ganz bei Sada zu sein – mehr und mehr verfällt er ihr. Abgeschottet von der Außenwelt
geben sich die beiden ganz der grenzenlosen sexuellen Begierde hin, bis auch
die Geishas die Lust verlieren, ihren Herren aufzusuchen. Abe Sada zieht ihren
Geliebten immer tiefer in die Welt der Leidenschaft bis hin zum Lustschmerz hinein,
lässt sich würgen und schlagen, bis auch sie ihren Geliebten bis zur
Schmerzgrenze würgt, um ihr gemeinsames Lusterlebnis zu steigern – mit tödlicher
Konsequenz…
Kritik:
Die 1970er Jahre waren ohnehin ein Jahrzehnt, in dem die
sexuellen Barrieren auch im Kino fielen. Aus der schmuddeligen Ecke des Porno-Geschäfts
erhob sich der anspruchsvolle Sexfilm des Autorenkinos – siehe Bernardo
Bertoluccis „Der letzte Tango von Paris“ (1972) -, doch selten wurde
Sex so explizit dargestellt wie in Nagisa Ōshimas „Im Reich der Sinne“.
Ōshima beließ es nicht dabei, zwei nackte oder
halbbekleidete Menschen beim Liebesspiel zu vereinen, nein, er präsentierte
dabei auch die ineinander vereinten, sich ineinander bewegenden
Geschlechtsteile. Man mag die Szene, in der Abe Sada den Penis ihres Geliebten
lutscht, bis sein Sperma aus ihrem Mund tropft, als pornografisch betrachten,
doch geht es Ōshima nicht primär um den Sex, sondern um das
Selbstverständnis seiner Protagonistin, die Selbstverständlichkeit, natürlich
das Geschlechtsteil des Menschen, den sie liebt, mit dem Mund zu liebkosen.
„Im
Reich der Sinne“ erzählt letztlich die Geschichte zweier sich völlig
einander hingebender, sich selbst genügender und die Außenwelt völlig
ignorierender Menschen, die ihre Liebe durch eine durch und durch
leidenschaftliche Sexualität ausleben. Da muss nichts der Fantasie überlassen bleiben.
Hier geht es für Kichizō und Abe Sada um alles oder nichts. Und nicht mehr und
nicht weniger bringt Ōshima in seinem Film zum Ausdruck, dem er zwei
Jahre später noch „Im Reich der Leidenschaft“ folgen ließ.
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