Mit „Die Strategie der Spinne“, „Der große Irrtum“, „Der
letzte Tango in Paris“ und „1900“ avancierte Bernardo Bertolucci
in den 1970er Jahren zu einem der renommiertesten italienischen, ja europäischen
Filmemacher, verlegte sich dann aber mit „Der letzte Kaiser“, „Himmel über
der Wüste“ und „Little Buddha“ eher auf schöne Bilder als auf
interessante Geschichten. In der Hinsicht schließt sich sein 1996 inszeniertes
Spätwerk „Gefühl und Verführung“ nahtlos an.
Inhalt:
Die 19jährige US-Amerikanerin Lucy (Liv Tyler) reist
nach dem Selbstmord ihrer Mutter zu deren Freunden in die Toskana. In ihrem
Tagebuch hinterließ sie Andeutungen darüber, dass der Vater ihrer Tochter nicht
derjenige ist, mit dem sie aufwuchs, sondern dass Lucy einer einmaligen
Liebesnacht entstammt, welche die Mutter vor zwanzig Jahren mit einem Mann auf
demselben Landsitz von Diana (Sinéad Cusack) und Ian (Donal McCann)
verbrachte, wo Lucy nun inmitten einer intellektuellen kleinen Gemeinschaft zu
Gast ist. Mit dem neben ihrem Zimmer einquartierten sterbenskranken Schriftsteller
Alex (Jeremy Irons) philosophiert sie bei Joints über die Möglichkeiten
der Liebe und vor allem das Erste Mal. Wenn um sie herum überall die Hüllen
fallen, ist Lucy zwar fasziniert, wendet sich aber scheu ab. Während sie sich engagiert
wie unauffällig in Sachen Vaterschaft betätigt, sehnt sie das Wiedersehen mit Niccolo
(Roberto Zibetti) herbei, in den sie sich bei ihrem ersten Besuch hier
vor ein paar Jahren verguckt hatte. Das Ensemble wird ergänzt durch Dianas
Tochter Miranda (Rachel Weisz) und ihrem Freund Gregory (Jason
Flemyng), die zum nahenden Geburtstag ihrer Mutter angereist sind, später
gesellen sich auch Mirandas Sohn Christopher (Joseph Fiennes), Niccolo (Roberto
Zibetti) und dessen Bruder Osvaldo (Ignazio Oliva) hinzu. Für Lucy
eröffnen sich damit einige Möglichkeiten, doch das Wiedersehen mit Niccolo
verläuft schon mal anders als erwartet…
Kritik:
Zusammen mit Kameramann Darius Khondji („Sieben“, „Midnight
in Paris“) schwelgt Bertolucci in den wunderschönen Postkartenmotiven
der toskanischen Landschaft. Vor dieser hitzeflirrenden Kulisse entfaltet sich
auf einem abgelegenen Landsitz ein bunter Reigen an Begegnungen, Diskussionen,
Leidenschaften. Liebe, Sex und Tod liegen hier stets dicht beieinander, vor
allem in der Beziehung zwischen dem alternden, sterbenskranken Alex und der am
Anfang ihres sexuellen Lebens stehenden, bildschönen Lucy, von nicht nur er
selbst völlig eingenommen ist. Lucys Suche nach ihrem leiblichen Vater auf der
einen und nach einem passenden Liebhaber für ihre Entjungferung auf der anderen
Seite bilden die Pfeiler für die an sich dünne Geschichte, doch gelingt es Bertolucci,
diese Fäden auf sehr entspannte, lockere, spielerisch wirkende Weise miteinander
zu verbinden. Die Liebe und der Sex stehen dabei immer irgendwie im
Mittelpunkt. Es gibt viel nackte Haut zu sehen, und fasziniert schaut Lucy heimlich
dem leidenschaftlichen Liebesspiel zwischen Miranda und Gregory zu. Etwas
Abwechslung in die dialoglastigen Begegnungen bringt eine Party in der Nachbarschaft,
die an Ausgelassenheit kaum zu überbieten ist, Lucy aber mit einer unbequemen
Erkenntnis zurücklässt. „Gefühl und Verführung“ ist vor allem ein – vom männlichen
Blick dominierter – sinnlicher Reigen vor betörender Kulisse, verliert sich
aber zu sehr in manieristischen Bilderfluten und ästhetisierten Diskursen über
die Liebe. Das lässt sich wunderbar anschauen, hinterlässt aber keinen
bleibenden Eindruck.
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