Das deutsche Enfant terrible Rainer Werner Fassbinder
(„Berlin Alexanderplatz“, „Angst essen Seele auf“) hatte mit „Die
bitteren Tränen der Petra von Kant“ 1972 eine lesbische, sadomasochistische
Dreiecksgeschichte als extrem artifizielles Kammerspiel inszeniert, das auch
sichtlich autobiographische Züge trug. Ein halbes Jahrhundert später
präsentierte François Ozon („8 Frauen“, „Alles ist gutgegangen“)
mit „Peter von Kant“ eine männliche Variante von Fassbinders
Stück und hob mit seiner Hommage den autobiografischen Charakter der Geschichte
deutlicher hervor, was sich schon in der äußeren Ähnlichkeit von
Hauptdarsteller Denis Ménochet mit dem deutschen Autorenfilmer niederschlägt.
Inhalt:
Peter von Kant (Denis Ménochet) lebt 1972 in einem
mondänen Loft in Köln, zusammen mit seinem ihn wortlos anschmachtenden Sekretär
Karl (Stefan Crépon), den er wie einen Leibeigenen schikaniert und
ausbeutet. Der ehemalige Starregisseur hatte aber lange keine gute Idee mehr und
lässt seine Unzufriedenheit vor allem an Karl aus, der die Demütigungen stoisch
erträgt. Als von Kant Besuch von der guten Freundin und Schauspielmuse Sidonie
(Isabelle Adjani) bekommt, stellt sie ihm den jungen und bildhübschen,
aber mittellosen Amir (Khalil Ben Gharbia) vor, der von einer
Filmkarriere träumt. Von Kant verliebt sich Hals über Kopf in den Jungen, filmt
ihm beim Interview und verführt ihn schließlich. Enthusiastisch bietet er Amir
nicht nur an einzuziehen, sondern ihn auch gleich beim Film groß rauszubringen.
Tatsächlich wird Amir schnell zum Star, betrügt Peter, er verletzt und
verspottet seinen Gönner und Liebhaber, er verlässt ihn schließlich und macht
seine eigene Karriere als Star. Es bleibt nichts zurück für den immer größer
wuchernden Peter von Kant, außer bodenlosem Alkohol und einer grenzenlosen
Sucht nach Zerstörung, die auch seine Mutter (Hanna Schygulla), seine
Tochter (Aminthe Audiard) und schließlich seinen treuen, letzten
Begleiter Karl trifft…
Kritik:
In seiner ultimativen Hommage an sein großes Vorbild Rainer
Werner Fassbinder übernimmt François Ozon die kammerspielartige
Inszenierung, nur zu Beginn weist der Blick aus der Vogelperspektive auf die
adrette Außenkulisse in Köln hin. Und auch wenn Ozon die lesbische Konstellation
des Fassbinder-Stücks in eine schwule umwandelt, bewahrt er die
zerstörerische, sadomasochistische Beziehung zwischen der einst erfolgreichen
Künstlerfigur und ihrer Muse. Allerdings verweist der Franzose mit der Wahl von
Denis Ménochet in der Rolle des schwulen Filmemachers sehr viel
deutlicher auf die autobiografischen Bezüge, die Fassbinder „Die
bitteren Tränen der Petra von Kant“ verliehen hat. Davon abgesehen gibt es
für Kenner des Originals wenig Neues zu entdecken. Mit Hanna Schygulla
tritt sogar noch eine Schauspielerin aus der ursprünglichen „Kant“-Version auf,
in der sie die junge Karin als fatales Objekt der Begierde gespielt hatte. Als
Peter von Kants Mutter wirkt sie wie die Rechtfertigung für das Projekt, das
mit Isabelle Adjani („Subway“, „Mörderischer Sommer“) eine mondäne
Verkörperung des französischen Kinos verkörpert, aber damals durchaus auch in Fassbinders
Universum Platz gefunden hätte. Diese Symmetrie ergibt sich auch bei Khalil
Ben Gharbia und Fassbinders damaliger Liebe El Hedi ben Salem.
Vor allem aber sind Aussehen und Auftreten Denis Ménochet nach wie vor
das deutlichste Indiz für die Hommage an Fassbinder. Mehr als das ist „Peter
von Kant“ dann leider auch nicht.
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