Wer den Wind sät
Der für neun Oscars nominierte Stanley Kramer (1913-2001)
hat seit jeher unangenehme Themen auf packende Weise auf die Kinoleinwand
gebracht. Bevor er sich 1961 mit „Das Urteil von Nürnberg“ mit dem
geschichtsträchtigen Prozess gegen Juristen der NS-Diktatur auseinandersetzte
und 1967 mit „Rate mal, wer zum Essen kommt“ die Rassenproblematik im
großbürgerlichen Milieu der US-Gesellschaft in den 1960er Jahren aufgriff, ließ
er 1960 mit „Wer den Wind sät“ Darwins Evolutionstheorie gegen
die biblische Lehre von der Entstehung der Menschen in einem medienwirksamen
Schauprozess ausfechten
Inhalt:
Bertram T. Cates (Dick York) ist 1925 in Hillsboro, Tennessee,
als junger Lehrer darin bemüht, in seinem Unterricht, die Schüler zu eigenständigem
Denken zu erziehen. Als er ihnen die Evolutionstheorie im Sinne Charles Darwins
erläutert, veranlasst der fanatische Reverend Jeremiah Brown (Claude Akins),
dass Cates verhaftet und ihm der Prozess gemacht wird, da die von ihm gelehrte
These der biblischen Schöpfungsgeschichte widerspreche, welche laut Gesetz die
einzig richtige sei. Der „Affenprozess“ schlägt hohe Wellen in den Vereinigten
Staaten. Derweil wittern die Bürger gute Geschäfte für die Zeiten eines
medienwirksamen Schauprozesses, die Argumentation der Kreuzkonservativen nimmt schnell
ausgesprochen fundamentalistische Züge an. Cates scheint allein gegen alle zu
stehen und blickt einem schier hoffnungslos anmutenden Gerichtsverfahren
entgegen, bei dem die Anklage zu allem Überfluss von dem prominenten früheren
Präsidentschaftskandidaten Matthew Harrison Brady (Fredric March)
vertreten wird, den man für seine Bekenntnisse zur Heiligen Schrift frenetisch
feiert. Der Journalist E. K. Hornbeck (Gene Kelly) „Baltimore Herald“ hingegen
sieht seine Aufgabe darin, die Freiheit des Denkens zu beschützen und sich
gegen die Absicht des krakeelenden Mobs zu stellen, zweite Meinungen mundtot
machen zu wollen. Er organisiert für Cates den agnostischen Verteidiger Henry
Drummond (Spencer Tracy), der mit Matthew Brady während des Studiums befreundet
war und Brady sogar in mehreren Wahlkämpfen unterstützte, als dieser Präsident
der Vereinigten Staaten werden wollte. Doch die Freundschaft zerbrach an der
fanatischen Gesinnung Bradys.
Bei dem dramatischen Prozess liefern sich Anklage und
Verteidigung erbitterte Duelle. Henry Drummond kämpft vehement für Fortschritt
und die Freiheit des Denkens, die durch das Gesetz unterbunden wird, während
M. H. Brady auf der wörtlichen Interpretation der Bibel besteht und daher
die darwinsche Evolutionstheorie als falsch bezeichnet.
Die Bewohner Hillsboros stehen nahezu geschlossen hinter dem
Reverend und Brady. Es wird ein Gottesdienst abgehalten, in dem der Reverend
sogar seine eigene Tochter Rachel (Donna Anderson) verflucht, weil sie
mit Bertram T. Cates verlobt ist und nichts an seinem Verhalten als sündig
erkennen kann. Es wird auch eine Demonstration organisiert, bei der eine Puppe
mit Cates’ Namen verbrannt wird und Flaschen durch dessen Zellenfenster
fliegen.
Das Gericht lehnt alle Zeugen ab, die Henry Drummond
aufrufen will, um die von Cates gelehrte Darwin’sche Evolutionstheorie näher zu
erläutern. Die Begründung ist stets, dass es nicht Aufgabe des Gerichts sei,
den Inhalt eines bereits beschlossenen Gesetzes in Frage zu stellen.
Schließlich wird Brady selbst von Drummond als Experte für die Bibel in den
Zeugenstand gerufen. Es gelingt Drummond, Brady mit Bibelzitaten in eine
bestimmte Richtung zu drängen, indem er aufzeigt, dass viele Aussagen der Bibel
vernünftigerweise nicht wörtlich genommen werden können. Sein Bestreben besteht
dabei nicht darin, die Bibel zu widerlegen; vielmehr erweitert und hinterfragt
er biblische Aussagen durch menschliche Logik: Die Fähigkeit zu denken sei
schließlich aus der Sicht der Anklage gottgegeben und dürfe durchaus auch in
Bezug auf den Text der Bibel angewandt werden…
Kritik:
Der Film basiert auf einem Theaterstück von Jerome
Lawrence und Robert E. Lee, die sich damit wiederum frei an das
als sogenannter „Affenprozess“ bekannt gewordene Gerichtsverfahren anlehnten,
das gegen den Lehrer John Thomas Scopes 1925 in Dayton, Tennessee, angestrengt
wurde. Der Großteil des Films spielt sich auch im Gerichtssaal ab und übernimmt
damit auch die Bühnenstruktur der Theatervorlage, doch auch die Szenen im „Mansion
House“, in dem die beiden einst befreundeten, nur gegeneinander vor Gericht
antretenden Anwälte residieren, bei dem Gottesdienst unter freiem Himmel und im
Haus des fanatischen Reverend Brown, gerade auch die Umzüge der fanatischen
Gläubigen auf den Straßen runden das Bild einer Gesellschaft ab, die noch
mittelalterlichen Vorstellungen anhängt und das Wort der Bibel nach wie vor als
die einzige Wahrheit ansieht. Vor dieser voreingenommenen Kulisse gelingt es
Kramer in der Figur des herrlich unaufgeregt agierenden Henry Drummond, diese
Gewissheit nach und nach aufzuweichen, am Ende sogar die Bibel gegen die starrsinnige
Haltung seines Kontrahenten zu verwenden. Sein Plädoyer, für das demokratische
Recht auf freie Meinungsäußerung und freie Lehre einzustehen, ist leider
so aktuell wie eh und je.
„Wer den Wind sät“ ist packend inszeniert, großartig
gespielt und von Ernest Laszlo vorzüglich fotografiert. Doch bei der
Oscar-Verleihung ging der vierfach nominierte Film leider leer aus.
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