Die Insel der besonderen Kinder

Seit seinem Langfilm-Regiedebüt „Pee-wees irre Abenteuer“ (1985) hat sich Tim Burton als visionärer Filmemacher etabliert, dessen Herz vor allem für sympathische Außenseiter-Typen schlägt. Von „Edward mit den Scherenhänden“ (1990) über „Sleepy Hollow“ (1999) und „Charlie und die Schokoladenfabrik“ (2005) bis „Dark Shadows“ (2012) durfte Johnny Depp als Burtons Alter Ego durch die kuriosesten Kulissen die aufregend-verschrobensten Abenteuer erleben. Mit der Adaption von Ransom Riggs‘ Roman „Die Insel der besonderen Kinder“ kehrt Burton auf vertrautes Terrain zurück, vereint Elemente seiner früheren Filme zu einem Superhelden-Fantasy-Spektakel der besonderen Art. 

Inhalt:

Da sich der 16-jährige Jake (Asa Butterfield) mit Gleichaltrigen an seiner Schule in Florida schwertut, hängt er lieber mit Opa Abe (Terence Stamp) ab, der ihm seit frühester Kindheit schaurige Geschichten von einem Waisenhaus in Wales erzählt, in dem er sich vor Monstern mit Tentakeln versteckte und mit Kindern zusammenlebte, die über besondere Fähigkeiten verfügten. Jakes Vater Franklin (Chris O’Dowd) schreibt diese Fantastereien einem durch Demenz verwirrten Geist zu, doch als der Weltkriegsveteran überfallen und getötet wird, glaubt auch Jake, riesige Monster gesehen zu haben - was ihn in psychiatrische Behandlung bringt. Um das Trauma zu überwinden, reist Jake mit seinem Vater nach Wales, wo sich nach den Angaben seines Opas das Waisenhaus auf der Insel der besonderen Kinder befinden soll. 
Als er den Weg dorthin allein erkundet, stößt er nicht nur auf eine zerfallene Waisenhaus-Ruine, sondern landet auch im Jahr 1943, wo die stets mit Taschenuhr und gelegentlich mit einer Armbrust ausgestattete Heimleiterin Miss Peregrine (Eva Green) mit ihren Schützlingen lebt, die – wie Jake schnell feststellt – tatsächlich mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sind. So kann Emma (Ella Purnell) auf beeindruckende Weise Luft manipulieren, Olive (Lauren McCrostie) kann jederzeit Feuer entfachen, Enoch (Finlay MacMillian) ist vor allem krankhaft eifersüchtig, kann aber auch Herzen in leblose Gegenstände verpflanzen und diese zum Leben erwecken, während Fiona (Georgia Pemberton) Macht über Pflanzen besitzt, Millard unsichtbar ist, die kleine Bronwyn (Pixie Davies) über Superkräfte verfügt und Hugh (Milo Parker) einen Bienenstock im Bauch hat. Die maskierten Zwillinge sprechen nie, haben jedoch telepathische Fähigkeiten und können Personen versteinern, Horace (Hayden Keeler-Stone) kann seine Träume und Visionen auf eine Leinwand projizieren, und Claire (Raffiella Chapman) besitzt ein gefräßiges Maul am Hinterkopf. Sie alle leben in einer selbst konstruierten Zeitschleife, in der sich der 3. September bis zum Abwurf einer Bombe durch die Nazis ständig wiederholt. Bevor die Bombe das Waisenhaus zerstören kann, dreht Miss Peregrine die Zeit mit ihrer Taschenuhr um genau 24 Stunden zurück und tötet dabei jedes Mal ein Monster mit ihrer Armbrust. Doch dieser Ablauf nimmt den Kindern nicht die Furcht vor den langbeinigen, augenlosen humanoiden Kreaturen, die es vor allem auf die Augäpfel von Kindern abgesehen haben, denn nur wenn sie genug davon verzehren, können die zur Unsichtbarkeit verdammten Schattenwesen ihre frühere menschliche Gestalt wiedererlangen. Während Miss Peregrine den Kindern beim Entwickeln und Kontrollieren ihrer Fähigkeiten hilft, wie sie es von Ms. Avocet (Judi Dench) gelernt hat, ihrer ehemaligen Lehrerin, die in einer anderen Zeitschleife ein Waisenhaus für besondere Kinder betreibt, macht Mr. Barron (Samuel L. Jackson) mit den Hollows genannten Monstern Jagd auf die Waisenkinder, die sich nun ganz auf Jake verlassen müssen, denn er ist der Einzige unter ihnen, der die unsichtbaren Monster sehen kann… 

Kritik: 

Zugegeben, so ganz originell wirkt Ransom Riggs‘ Romanvorlage, die mittlerweile ähnlich wie „Harry Potter“ eine erfolgreiche Jugendbuchreihe nach sich gezogen hat, nicht. Das von Miss Peregrine geleitete Waisenhaus wirkt – samt seinen außergewöhnlich begabten Kindern - wie eine Mischung aus der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei und dem Institut für begabte Jugendliche aus „X-Men“. Es scheint aber fast, dass Riggs seinen Roman schon auf eine mögliche Verfilmung durch Tim Burton im Hinterkopf geschrieben hat, denn die Geschichte wartet nicht nur mit einigen skurrilen Figuren auf, sondern hält auch die für Burton typischen düsteren Elemente parat, die die vermeintliche Idylle in der Zeitschleife bedrohen. 
Jane Goldman, die mit ihren Drehbüchern zu „Der Sternwanderer“, „X-Men: Erste Entscheidung“, „Die Frau in Schwarz“ und „Kingsman: The Secret Service“ bereits einschlägige Erfahrungen mit verschiedenen Fantasy-Stoffen aufweist, hat für die Adaption von Riggs‘ Roman den richtigen Ton getroffen und für Burton eine Steilvorlage geliefert, die er auf gewohnt souveräne Weise umgesetzt hat. Dabei gelingt ihm vor allem der Übergang von der Gegenwart in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und der fantastischen Elemente so überzeugend, dass Phänomene wie die Zeitschleife, das Wandern zwischen den Welten und die Konfrontation mit den Kinderaugen fressenden Monstern absolut natürlich wirken. Mehr noch als in „Dark Shadows“ überzeugt Eva Green als ebenso resolute wie fürsorgliche Waisenhaus-Betreiberin, und auch die Kinder-Darsteller sind gut ausgewählt, wobei die Britin Ella Purnell („Kick-Ass 2“, „Wildlike“) als Jakes ständige Begleitung noch am ehesten ein Profil ihrer Figur entwickeln kann, während die anderen eher auf die Ausübung ihrer besonderen Fähigkeiten beschränkt bleiben. 
Burton treibt seinen Protagonisten und die ihn begleitenden Kinder durch eine wilde Odyssee, die weitgehend ohne spektakuläre Special Effects auskommt. Dafür sind einige Szenen mit den Hollows schön gruselig geraten, wenn sie genussvoll Teller voller Kinderaugen verspeisen, um wieder menschliche Gestalt annehmen zu können. Und obwohl Burton sein Stammkomponist Danny Elfman nicht zur Verfügung stand, haben es Michael Higham und Matthew Margeson gut verstanden, die dunkel-faszinierende Welt von „Die Insel der besonderen Kinder“ musikalisch passend zu untermalen. So ist Burton mit der Adaption des Jugendbuch-Bestsellers ein unterhaltsames Fantasy-Abenteuer gelungen, das zwar bei der Vielzahl der Figuren bei der Charakterisierung schwächelt, aber durch den Zusammenhalt der besonderen Kinder und das stimmungsvolle Ambiente jederzeit fesselt. 

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