Frau im Dunkeln

Ähnlich wie ihre bereits voll etablierte Kollegin Greta Gerwig („Lady Bird“, „Little Women“) wagt auch die US-Schauspielerin Maggie Gyllenhaal („Mona Lisas Lächeln“, „The Dark Knight“) mit der Literaturadaption „Frau im Dunkeln“ den Sprung ins Regiefach. Die provokante Geschichte über Mütter, die ihre Töchter im Stich lassen, um ihren eigenen Wünschen nachgehen zu können, überzeugt nicht nur wegen der mutigen Umsetzung des schwierigen Themas, sondern auch durch die starken Darstellerinnen. 

Inhalt:

Die in Cambridge lehrende alleinstehende Professorin Leda Caruso (Olivia Colman) ist zu einem „Arbeitsurlaub“ auf die griechische Insel Spetses gereist, wo sie ein von Lyle (Ed Harris) verwaltetes Apartment am Strand bezieht. Zunächst gelingt es ihr gut, die Ruhe am Strand zu genießen und mit dem in der Strandbar arbeitenden Studenten Will (Paul Mescal) sogar etwas zu flirten, doch dann wird die entspannte Atmosphäre durch die Ankunft einer griechisch-amerikanischen Großfamilie aus Queens empfindlich gestört, die eine riesige Villa direkt am Strand bezieht. 
Zwar fühlt sie sich einerseits von deren Lärm und der Rücksichtslosigkeit belästigt, andererseits ist sie von der jungen Mutter Nina (Dakota Johnson) und ihrer kleinen Tochter Elena fasziniert. In diesem Gespann fühlt sie sich nämlich an ihre eigene Rolle der Mutter während ihres Übergangs vom Studenten- ins Berufsleben erinnert. Als Elena eines Tages verschwindet und sich die ganze Familie auf die Suche nach ihr macht, ist es ausgerechnet Leda, die das kleine Mädchen findet und zur überglücklichen Mutter zurückbringt, wobei sie aber deren Puppe behält und in ihrer Ferienwohnung versteckt. Während sie sich mit Nina über die Schwierigkeiten der Mutterschaft austauscht, fühlt erinnert sie sich an die eigenen Probleme, die sie bei der Erziehung ihrer heute 25-jährigen Bianca und der 23-jährigen Martha hatte … 

Kritik: 

Eigentlich hatte Maggie Gyllenhaal Elena Ferrantes Roman „Tage des Verlassenwerdens“ verfilmen wollen, aber feststellen müssen, dass die Rechte bereits vergeben waren, worauf sie sich für „Frau im Dunkeln“ begeisterte, der zehn Jahre vor Ferrantes Bestseller „Meine geniale Freundin“ erschienen war. Allerdings stimmte die mysteriöse Autorin, die nur unter ihrem Pseudonym bekannt ist, der Verfilmung nur zu, wenn die Schauspielerin auch die Regie übernehmen würde. Gesagt, getan. Gyllenhaal adaptierte den Roman, verlegte einige Orte und inszenierte mit „The Lost Daughter“ – so der Originaltitel des Films – ein ebenso einfühlsames wie verstörendes Drama, das mit dem Tabu umgeht, dass Mütter stets für ihre Kinder da sein müssen, sich selbst und ihre Bedürfnisse dem Kindeswohl unterordnen. 
Allerdings fällt Gyllenhaal nicht mit der Tür ins Haus. Sie nimmt sich viel Zeit, zunächst die entspannende Wohlfühlatmosphäre an dem noch ruhigen Strand zu schildern. Die Professorin für italienische Literatur findet nicht nur Zeit für ihre Arbeit, sondern auch zu Flirts sowohl mit dem blutjungen Studenten Will als auch mit dem älteren Lyle, ist sich aber unsicher, wie weit sie dabei gehen soll. Von den undefinierten Männerbeziehungen verlegt sich der Fokus aber schnell auf die Mutter-Kind-Thematik. Sobald Leda die attraktive Nina beim Sonnenbaden mit ihrer kleinen Tochter entdeckt, beginnt Gyllenhaal mit Rückblenden zu arbeiten. 
Als junge Frau (Jessie Buckley) war Leda nämlich oft überfordert, neben ihrer Forschungsarbeit auch die Erziehung ihrer beiden Töchter unter einen Hut zu kriegen. Mit den immer häufiger eingestreuten Rückblenden macht Gyllenhaal deutlich, warum Leda als alleinstehende Frau so fasziniert von Nina und ihrer Tochter ist. Die Männer werden zunehmend zur Nebensache, zu Liebhabern, Flirt-Objekten, aber auch zur Bedrohung. „Frau im Dunkeln“ ist vor allem ein intimes Drama über die Rolle der Verantwortung und Selbstbestimmung von Müttern. 
Gyllenhaal darf dabei auf die großartige Oscar-Preisträgerin Olivia Colman („Broadchurch“, „The Favourite - Intrigen und Irrsinn“) bauen, die die ambivalente Rolle der alleinlebenden Professorin mit der nötigen Vielschichtigkeit ausfüllt. So bleibt beispielsweise unklar, aus welchen Motiven sie überhaupt Elenas Puppe in ihrem Gewahrsam behält. Aber auch Dakota Johnson („Fifty Shades of Grey“, „The Social Network“) überzeugt als verletzliche Mutter, die von ihrem Macho-Mann genervt ist und einfach überfordert und erschöpft wirkt. Hélène Louvart („Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“, „Niemals selten manchmal immer“) ist mit der Kamera oft sehr dicht bei ihren Figuren, fängt die Intimität und Verletzlichkeit ein, die Dickon Hinchliffe („Winter’s Bone“, „No Turning Back“) mit entsprechend feinsinnigen Kompositionen wunderbar musikalisch untermalt. Allerdings zieht sich das Drama zum Ende hin etwas in die Länge, nehmen die Rückblenden auch überhand, bleiben viele Fragen offen. Doch zum angeregten Nachdenken lädt „Frau im Dunkeln“ nachhaltig ein.

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