Lautlos wie die Nacht

Jean Gabin und Alain Delon waren Anfang der 1960er Jahre DIE Stars des französischen Kinos. Insofern gelang Regisseur Henri Verneuil („I wie Ikarus“, „100.000 Dollar in der Sonne“) ein großer Coup, die beiden Stars für „Lautlos wie die Nacht“, der Verfilmung von Zekial Markos 1960 unter dem Pseudonym John Trinian veröffentlichten Roman „The Big Grab“, erstmals gemeinsam vor der Kamera zu vereinen. Das 1963 inszenierte Heist Movie zählt nach wie vor zu den großen Glanzstücken der europäischen Filmgeschichte. 

Inhalt: 

Als Charles (Jean Gabin) nach fünf Jahren im Gefängnis wieder mit dem Zug vom Gare du Nord nach Sarcelles, einem Vorort von Paris, fährt, erkennt vor lauter Neubausiedlungen nicht mehr, wo sein Haus steht, das er einst wegen des Gartens gekauft hatte. Als er endlich sein Zuhause gefunden hat, fällt die Begrüßung durch seine Frau Ginette (Viviane Romance) recht kühl aus. Von ihren Plänen, das Haus zu verkaufen und zusammen mit dem Gesparten ein Haus an der Cote d‘Azur zu erwerben, wo Charles als Restaurantbesitzer sein eigener Herr sein könnte, hält der überzeugte Kriminelle nichts. Stattdessen will er noch einmal groß absahnen, um dann nach Australien auszuwandern. 
Einen ersten Dämpfer erhält Charles allerdings beim Besuch seines Zellengenossen Mario (Henri Virlojeux) in dessen eigener Badeanstalt Les Fauvettes. Der verfügt zwar über die Baupläne zu einem Spielkasino in Cannes, doch den darin eingezeichneten Weg über Klimaschächte zum Inneren des Gebäudes kann der schwerkranke Mario nicht mehr selbst zurücklegen. Charles lässt sich jedoch nicht entmutigen und weiht den jungen, aber impulsiven Francis (Alain Delon) in seinen Plan ein. Zusammen mit Francis‘ älteren, gesetzestreuen Schwager Louis (Maurice Biraud), der als Fahrer fungieren soll, mieten sich Charles und Francis in verschiedenen Hotels ein und entwickeln einen detaillierten Plan. 
Dazu soll sich Francis mit den Örtlichkeiten des „Palm Beach“-Casinos vertraut machen und sich in die Gesellschaft dort einschleusen, um leichteren Zugang zur gut gesicherten Geldkammer des Casinos zu bekommen. Francis bandelt mit der schwedischen Tänzerin Brigitte (Carla Marlier) an, muss sich dafür aber von Charles Sorglosigkeit und Unzuverlässigkeit vorwerfen lassen. Und dann macht sich das schlechte Gewissen von Louis bemerkbar, der zwar den Coup bis zum Schluss durchziehen, aber nichts von der Beute abhaben will… 

Kritik: 

Der Plot von „Lautlos wie die Nacht“ erinnert nicht von ungefähr an die Meisterwerke des französischen Noirs, Jules Dassins „Rififi“ (1955) und Jean-Pierre Melvilles „Drei Uhr nachts“ (1956). Jean Gabin überzeugt darin als alternder Heimkehrer, nicht aus dem Krieg wie üblicherweise in den US-amerikanischen Noirs, sondern aus dem Gefängnis, aber zuhause hat sich der überzeugte Gauner in der bürgerlichen Welt nie gefühlt. Das wird schon in den ersten Szenen deutlich, als sich Charles im vollbesetzten Zug über die kleinbürgerlichen Träume von wunderbaren Urlaubsreisen und -orten wundert, die sie sich mühsam absparen müssen. 
Dass Charles nicht für gewöhnliche Vertreter- oder 9-to-5-Jobs taugt, weiß auch seine Frau, die ihm einen Umzug in die sonnigen Gefilde der Cote d’Azur schmackhaft zu machen versucht, doch auch das ist dem alternden Gauner zu anstrengend. Bei der Ausarbeitung des Plans für einen Milliarden-Francs schweren Casino-Raub läuft Charles allerdings zu Hochtouren auf. Verneuil inszeniert Planung und Durchführung des Coups minutiös und begleitet dabei vor allem den vor Ort agierenden Francis, wie er geschickt durch die richtigen Bekanntschaften und Liebschaften hinter die Kulissen des Etablissements zu gelangen versucht. 
Alain Delon und Jean Gabin agieren hier auf höchstem Niveau, verleihen ihren Gaunern große Glaubwürdigkeit. Die schicken Bilder von Louis Page, Verneuils flotte Inszenierung und der jazzig angehauchte Score von Michel Magne treiben den Plot ohne Längen unterhaltsam voran – der übrigens mit einer amüsanten Pointe beendet wird. Gabin und Delon spielten daraufhin noch mal „Der Clan der Sizilianer“ (1969) und „Endstation Schafott“ (1973) zusammen. 

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