The Cut

Der deutsch-türkische Filmemacher Fatih Akin („Kurz und schmerzlos“, „Im Juli“, „Gegen die Wand“) hat sich in vielen seiner Werke mit der Wechselwirkung zwischen unterschiedlichen Kulturen auseinandergesetzt und dabei vor allem die türkische Lebensweise mit einfließen lassen. Für sein 2014 produziertes, erstmals in englischer Sprache gedrehtes historisches Drama „The Cut“ hat er sich von Meisterregisseur Martin Scorsese über die Schulter schauen lassen und dessen lang langjährigen Drehbuchschreiber Mardik Martin („Hexenkessel“, „King of Comedy“, „Wie ein wilder Stier“) als Co-Autor hinzugezogen.

Inhalt:

Im Jahr 1915 scheint der Erste Weltkrieg für den armenischen Schmied Nazaret Manoogian (Tahar Rahim), seine Frau Rakel (Hindi Zahra) und den Zwillingstöchtern Arsinée und Lucinée (Zein und Dina Fakhoury) wie so viele seiner Landsleute im Osmanischen Reich noch weit entfernt. Doch eines Nachts werden Nazaret, sein Bruder Hrant (Akin Gazi) und Schwager Vahan (George Georgiou) wie alle armenischen Männer im wehrfähigen Alter in Mardin, einer Stadt im Südosten des ottomanischen Reiches, von türkischen Polizisten aus ihren Häusern gezerrt und für das Militär rekrutiert. Tatsächlich werden sie allerdings zu Straßenbauarbeiten herangezogen und müssen sich wie die anderen religiösen Minderheiten zu Tode schuften. Nur wer zum Islam konvertiert, darf wieder gehen. Als ihre Arbeit erledigt ist, kommt grausamen Söldnern und Ex-Sträflingen die Aufgabe zu, ihnen die Kehle zu durchschneiden. Nazaret überlebt das Massaker nur, weil es der ehemalige Dieb Mehmet (Bartu Küçükçaglayan) nicht übers Herz bringt, richtig zuzustechen und nur seine Stimmbänder durchtrennt. Stumm und schwerverletzt zieht Nazaret nun durch die Wüste, schließt sich kurzzeitig einem Trupp Deserteure an, trifft in einem Flüchtlingslanger auf seine im Sterben liegende Schwägerin (Arevik Martirosyan), die ihm nur sagen kann, dass alle tot sind, und landet nach mehreren Jahren Odyssee schließlich in Aleppo. Nachdem die von den Engländern besiegten Türken die Stadt verlassen haben, sammeln sich dort nun viele Flüchtlinge. Nazaret erfährt, dass seine Töchter noch leben sollen, und macht sich auf die lange Suche nach ihnen, von der syrischen Wüste über Havanna bis in die Prärie North Dakotas, wohin sie als Ehefrauen vermittelt wurden…

Kritik:

Akin nimmt sich mit „The Cut“ einem vor allem hierzulande kaum bekannten, in der Türkei über Jahrzehnte systematisch totgeschwiegenen Thema an, der Vertreibung und Ermordung wenigstens mehrerer Hunderttausender Armenier während des Ersten Weltkriegs. In Armenien, in Frankreich und vielen anderen Ländern wurde das in dem Film beschriebene Vorgehen offiziell als Völkermord eingestuft. Nun trägt Akin mit einfühlsamen wie erschreckenden Drama seinen Teil dazu bei, die brutale Vertreibung religiöser Minderheiten aus dem islamisch geprägten Osmanischen Reich ins allgemeine Bewusstsein zu rufen und im Gedächtnis zu bewahren.
Der in Kanada, Deutschland, Jordanien, auf Kuba und Malta gedrehte Film wird allein aus der Perspektive des einfachen armenischen Schmieds Nazarets erzählt, dessen Name nicht von ungefähr der Stadt entlehnt ist, in der der christliche Heiland aufwuchs. Von Beginn an kommt das Publikum nicht umhin, sich mit dem liebenswerten Familienmenschen zu sympathisieren, mit ihm zu leiden, wenn er beim Straßenbau schuftet, hungert und leidet, wenn ihm zwar der Tod erspart bleibt, aber fortan nicht mehr sprechen kann. Akin, der Oscar-prämierte Produktionsdesigner Allan Starski („Schindlers Liste“, „Der Pianist“) und Akins langjähriger Kameramann Rainer Klausmann („Gegen die Wand“, „Aus dem Nichts“, „Der Baader Meinhof Komplex“) haben eine epische Odyssee in Szene gesetzt, die von Einstürzende-Neubauten-Gründungsmitglied Alexander Hacke eindringlich vertont worden ist und trotz der manchmal plakativen Erzählung immer zu berühren versteht. Vor allem die Szene, in der Nazaret nach seiner Ankunft in Aleppo auf einem öffentlichen Platz einer Vorführung von Charlie Chaplins Klassiker „Der Vagabund und das Kind“ mit Tränen in den Augen folgt, gehört zu den intimsten Momenten des Dramas, das nach wie vor eine Ausnahmestellung in Akins Werksbiografie einnimmt.

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