Der Trost von Fremden

Mit seinen ersten Drehbüchern zu den Klassikern „Yakuza“, „Taxi Driver“, „Schwarzer Engel“ und „Der Mann mit der Stahlkralle“ hat sich Paul Schrader bereits Mitte der 1970er Jahre einen Namen in Hollywood gemacht, bevor er mit „Blue Collar – Kampf am Fließband“ (1978) und „Hardcore – Ein Vater sieht rot“ (1979) anfing, seine Geschichten auch selbst zu verfilmen. 1990 adaptierte er allerdings einen fremden Stoff, Ian McEwans Roman „Der Trost von Fremden“, den Harold Pinter für die Leinwand umschrieb. An der edlen Umsetzung wirkte neben einem prominenten Cast (Christopher Walken, Helen Mirren, Rupert Everett und Natasha Richardson) auch Kameramann Dante Spinotti („L.A. Confidential“, „Insider“), Komponist Angelo Badalamenti („Twin Peaks“, „Lost Highway“) und Modeikone Giorgio Armani mit.

Inhalt:

Das britische Paar Colin (Rupert Everett) und Mary (Natasha Richardson) will sich mit einem Sommerurlaub in Venedig ohne Marys beiden Kinder Gewissheit über die Zukunft ihrer Beziehung verschaffen. Doch der Charme der legendären Lagunenstadt, die sie vor zwei Jahren schon einmal besucht haben, verfängt bei ihnen nicht. Stattdessen gehen sie am späten Abend in den verwinkelten Gassen der Stadt verloren, als sie nach einem ungeplant langen Nickerchen vor Hunger auf der Suche nach einem Restaurant sind. Als sie sich schon völlig verirrt zu haben glauben, machen sie die Bekanntschaft von Robert (Christopher Walken), der sie in eine entlegene Bar führt, wo der Aristokrat im weißen Anzug ihnen die Geschichte erzählt, wie er unter seinem autoritären Vater mit seinen Schwestern aufgewachsen ist, denen er nie verziehen hat, dass sie ihn bei ihm der Lächerlichkeit preisgegeben haben, und wie er seine Frau Caroline bereits mit elf Jahren kennengelernt hat. Auf dem Heimweg bleiben Colin und die angetrunkene Mary erneut in den Gassen hängen, nächtigen zwangsläufig in einem Durchgang zu einer kleinen Brücke und begegnen Robert erneut, als er sie in einem Café wiedererkennt. Er lädt sie zu sich nach Hause ein, wo sie sich erst einmal ausschlafen und dann auch Caroline (Helen Mirren) kennenlernen, die das Paar zum Essen einlädt. So unwohl sich Colin und Mary auch zunächst in dem Palazzo fühlen, bringt es sie doch einander näher, und sie lieben sich mit neuer Leidenschaft und verlassen vor lauter Lust kaum noch ihr Hotelzimmer. Doch die nächste Begegnung mit Robert und seiner Frau verläuft tödlich…

Kritik:

Von der literarischen Vorlage über die traumhaft schöne wie verwirrende Kulisse bis zur exquisiten Ausstattung hinsichtlich Kameraführung, Farben, Musik, Kostümen und zu den schönen Darsteller:innen bietet „Der Trost von Fremden“ alles, was das Filmherz höherschlagen lässt. Wenn Christopher Walkens Stimme aus dem Off allerdings mit den Worten „Mein Vater - war ein Hüne von Mann. Sein ganzes Leben lang trug er einen schwarzen Schnurrbart. Als er grau wurde, färbte er ihn mit einer kleinen Bürste schwarz, wie sie Frauen für ihre Wimperntusche verwenden. Alle hatten Angst vor ihm“ die Textebene einbringt, wird bereits ein latentes Unbehagen laut, das sich fortan wie ein Krebsgeschwür, wie die unzähligen Kanäle in der Stadt ins Leben von Colin und Mary schleicht. Sie wandeln wie lebende Skulpturen durch eine von ihrem gewaltigen historischen Erbe erdrückte Stadt, wissen nichts mit sich anzufangen, bis Mary vor Sehnsucht nach ihren Kindern schon eine vorzeitige Heimreise vorschlägt. Die orientierungslosen Spaziergänge durch die nächtlichen, verlassenen Gassen der Stadt stehen sinnbildlich für die Suche nach sich selbst. Durch die Bekanntschaft mit dem aristokratischen Robert und seiner Frau hofft das junge Paar, etwas wiederzufinden, was sie vielleicht verloren oder noch gar nicht gehabt haben, aber ihre Sehnsucht wird nicht gestillt, nur ihre Lust. So perfekt das Arrangement aus weichem, die schönen Körper umschmeichelndem Licht, verträumter, aber auch unheilvoller Musik, edler Kostüme und berauschenden Kulissen auch ist, bleiben einem die Figuren aber fremd. So wirkt „Der Trost der Fremden“ dann wie ein süßer, leckerer Wein, der nur noch Kopfschmerzen hervorruft. Aber er zeigt immerhin stilvoll die Abhängigkeiten zwischen Qual und Lust, Tod und Leben auf.

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