Woody Allens Kreativität und Produktivität kennt seit
seinem Regiedebüt mit „Woody, der Unglücksrabe“ (1969) offenbar keine
Grenzen, denn seitdem veröffentlicht er nach wie vor fast im Jahresrhythmus
einen neuen Film. Seinen größten Erfolg feierte Allen 1978, als er bei der
Oscarverleihung vier Trophäen für seinen vierten Film „Der Stadtneurotiker“
erhielt - für den besten Film, die beste Regie, das beste Drehbuch und für Diane
Keaton als beste Hauptdarstellerin. Mit ihr realisierte Woody Allen
auch „Manhattan“ (1979) – eine Hommage an Allens Heimatstadt New
York und das Künstlerviertel Manhattan in Schwarzweiß und darüber hinaus natürlich
ein neurotisches Liebeskarussell.
Inhalt:
Nach zwei gescheiterten Ehen hat sich der in New York
lebende Schriftsteller und Fernseh-Autor Isaac Davis (Woody Allen) in
die erst 17-jährige Schauspielschülerin Tracy (Mariel Hemingway) verliebt,
wobei es ihm schon zu schaffen macht, dass er mit seinen 42 Jahren älter als
Tracys Vater ist und somit eigentlich auch zu alt für Tracy. Noch mehr treibt
ihn allerdings um, dass seine mittlerweile lesbische Ex-Frau Jill (Meryl
Streep) an einem prekären Enthüllungsbuch über die gescheiterte Ehe schreibt
und dafür sogar schon Angebote für eine Verfilmung bekommen hat. Doch auch
beruflich läuft bei weitem nicht alles rund: Ständig unter Erfolgsdruck und
unzufrieden mit den neu aufkommenden Trends sieht sich Isaac immer mehr im
Spannungsfeld zwischen zwei Generationen, in dem es ihm an Ordnung und Halt im
Leben fehlt. Ebenso unstet wie sein eigenes gestaltet sich auch das Liebesleben
von Isaacs Freund Yale (Michael Murphy), der zwar verheiratet ist, aber
eine Affäre mit der Journalistin Mary (Diane Keaton) unterhält. Als Isaac
seinem Freund Mary vorstellt, können sich Isaac und Mary aufgrund ihrer
verschiedenen Auffassungen von Kunst erst nicht ausstehen, doch bald fühlen sie
sich zueinander hingezogen, woraufhin Isaac mit seiner 17jährigen Freundin
Schluss macht. Doch alle Beteiligten sind auch mit dem neuen Arrangement nicht
zufrieden…
Kritik:
Mit „Der Stadtneurotiker“ hatte Woody Allen definitiv
seinen Stil gefunden, sich von der Aneinanderreihung von Gags, die er früher
für Fernsehshows geschrieben und als Stand-Up-Comedian aufgeführt hat,
verabschiedet und die Neurosen selbstverliebter und unsicherer Großstadtmenschen
auf durchaus selbstironische Weise ins Zentrum seiner Erzählungen gerückt. Das
funktioniert auch bei „Manhattan“ ganz wunderbar. Eingerahmt von George
Gershwins „Rhapsody in Blue“ und Momentaufnahmen in dunklen
Schwarzweißbildern von Gordon Willis begibt sich Woody Allen einmal
mehr in die Künstlerszene Manhattans. Gleich zu Beginn erörtern Isaac, Tracy, Yale
und dessen Frau Emily (Anne Byrne Hoffman) im Literatenlokal Elaine‘s an
der noblen Upper Eastside über die Frage, wer von ihnen von einer Brücke
springen würde, um einen Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Isaac zieht sich
bei der Beantwortung umgehend selbst aus der Affäre, indem er erklärt, nicht
schwimmen zu können. Diese Episode macht deutlich, wie unfähig Allens Figuren
zur ernsthaften Kommunikation sind, denn diese Unfähigkeit reicht weit bis in
ihre Beziehungen hinein. Die werden leichthin aufgelöst, sobald eine neue
interessante Liebschaft in Reichweite ist, die kurzfristig das eigene Ego zu
stärken vermag. Allzu ernst geht Woody Allen mit diesem Manko allerdings
nicht um, sondern setzt seine eigenen existenziellen Ängste und Sehnsüchte mit
bissiger Selbstironie und Sarkasmus in Szene, wobei er geschickt die Handlung
mit prägnanten Bildern aus Manhattan mit Wolkenkratzern, Broadway, Central
Park, Museum of Modern Art, Brooklyn Bridge und der Fifth Avenue verbindet und
manche Passagen in fast undurchdringlichem Dunkel, andere wieder in fast
überbelichteter Natur spielen lässt. Bei dem famosen Drehbuch spielt das
Ensemble großartig auf. Zwar wurde „Manhattan“ bei der Oscar-Verleihung
sträflich ignoriert, und Woody Allen selbst findet den Film ganz
schrecklich, aber er gehört dennoch zu seinen besten Werken.
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