Mit ihrem für die Musik von Michel Legrand Oscar-prämierten Drama
„Yentl“ (1983) feierte die Musikerin und Schauspielerin Barbra
Streisand ein vielversprechendes Regiedebüt. Dass dieser Erfolg keine
Eintagsfliege war, bewies sie 1991 mit ihrer Verfilmung von Pat Conroys
Südstaaten-Epos „Herr der Gezeiten“, in dem sie neben Nick Nolte auch
die weibliche Hauptrolle verkörperte.
Inhalt:
Tom Wingo (Nick Nolte) lebt mit seiner Frau Sally (Blythe
Danner) und seinen drei Kindern am Strand in der Nähe von Charleston in South
Carolina. Doch weder füllt ihn die Arbeit als Lehrer und Football-Trainer aus,
noch macht ihn die Ehe glücklich. Als könnte es nicht noch schlimmer kommen, erhält
er Besuch von seiner schwierigen Mutter Lila (Kate Nelligan), die ihm erzählt,
dass seine Schwester Savannah (Melinda Dillon) mal wieder einen
Selbstmordversuch verübt hat. Da sie selbst nicht nach New York fahren will,
macht sich Tom sofort auf den Weg in die Metropole. Dort lernt er zunächst
Savannahs Psychiaterin Dr. Susan Lowenstein (Barbra Streisand) kennen,
die Tom bittet, ihr etwas mehr über die Familie zu erzählen, in der die in New
York bekannte Dichterin Savannah und er selbst aufgewachsen sind. Tom öffnet
sich zunächst widerwillig und auf zynische Weise der Therapeutin, erzählt
schließlich Episoden über seinen despotischen Vater, seine exzentrische Mutter
und seinen inzwischen verstorbenen älteren Bruder Luke. Bald wird Tom klar,
dass diese Gespräche auch für ihn selbst eine Therapie darstellen, wogegen er
sich zunächst sträubt. Auch er selbst litt sehr in seiner Kindheit. Im
Gegensatz zu seiner Schwester kann er sich an die Ereignisse erinnern, weicht
aber dem damit verbundenen Schmerz aus. Während Sally ihm aus der Ferne
gesteht, eine Affäre zu haben, nähern sich auch Susan und Tom einander an, da
Susan ebenso unglücklich in ihrer Ehe mit dem berühmten Violinisten Herbert
Woodruff (Jeroen Krabbé) ist…
Kritik:
Barbra Streisand hat sich mit dem epischen Roman von Pat
Conroy („Abschied von einer Insel“, „Der große Santini“), der auch
am Drehbuch mitschrieb, den richtigen Stoff für ihren Film gefunden,
geht es doch um große Gefühle, schmerzliche Erinnerungen und schwierige
Beziehungen. Im Zentrum steht zwar die von düsteren Geheimnissen geprägte
Geschichte der Wingo-Familie, die in den richtigen Momenten als Rückblick aufgerollt
wird und die Atmosphäre von Gewalt und Manipulation aufzeigt, die die drei unterschiedlichen
Geschwister geprägt hat, doch auch Streisands Figur der jüdischen Therapeutin,
die nicht zuletzt durch ihren prominenten, aber überheblichen Ehemann in der
High Society New Yorks zuhause ist, darf ihre Probleme thematisieren. „Herr
der Gezeiten“ überzeugt in der psychologischen Tiefe, mit der die
Geschichte die Familiengeschichte der Wingos entblättert und so erklärt, warum
Toms Ehe mit Sally auf der Kippe steht. Geschickt werden die Dramatik erhöht,
Gefühle zugespitzt, die Charakteristik der Südstaaten dem quirligen Leben in
der Großstadt gegenübergestellt, aber bei allen verletzten Gefühlen spielt Liebe,
Vertrauen und Verzeihen ebenfalls eine entscheidende Rolle in dem Melodram, das
von James Newton Howard („Waterworld“, „The Sixth Sense“) mit
einem melodramatischen, leider zu vordergründig eingesetzten Score untermalt
und von Stephen Goldblatt („Outland – Planet der Verdammten“, „Batman
Forever“) großartig fotografiert worden ist. Nicht zuletzt stimmt die
Chemie zwischen dem nuancenreich agierenden Nick Nolte und der souverän
spielenden Barbra Streisand.
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