Die Legende vom Ozeanpianisten

Mit seinem zweiten Kinofilm „Cinema Paradiso“ (1988) gelang dem damals gerade mal 32-jährigen italienischen Autorenfilmer Giuseppe Tornatore ein Oscar-prämiertes Meisterwerk, das die Vorliebe des Filmemachers für märchenhafte Erzählungen ebenso wie für das Kino widerspiegelte. Zehn Jahre später folgte Tornatore mit „Die Legende vom Ozeanpianisten“ der gleichen Formel, allerdings nicht mehr ganz so überzeugend wie bei seinem gut gealterten internationalen Erfolgsfilm.

Inhalt:

Der Trompeter Max Tooney (Pruitt Taylor Vince) muss notgedrungen seine Trompete verkaufen, spielt aber noch ein letztes Stück auf seinem Instrument. Als der Musikhändler (Peter Vaughan) Max’ Abschiedsstück erkennt, erzählt ihm Max die Geschichte dieses Stücks und dessen Komponisten. Er erzählt die Legende vom Ozeanpianisten, einem virtuosen Pianisten (Tim Roth), den Max an Bord eines Kreuzfahrtschiffes kennenlernt. Max war Jazz-Musiker auf der „Virginian“, einem Schiff, das Anfang des 20. Jahrhunderts tausende Passagiere – arme Immigranten wie reiche Touristen – von der alten Welt in das gelobte Land namens Amerika beförderte. Am Neujahrestag des Jahres 1900 fand das Crewmitglied Danny Bootman (Bill Nunn) beim Aufräumen an Bord ein ausgesetztes Neugeborenes in einer Zitronenkiste, was zu dessen kurioser Namensfindung führte. Danny Boodmann T.D. Lemon 1900 wuchs ausschließlich auf dem Schiff auf und nach dem Unfalltod seines Ziehvaters versteckte er sich weiterhin dort, bis er mehr oder weniger das Kind einer ganzen Crew und ein begnadeter, fortan nur noch „1900“ genannter Pianist wurde. Obwohl er ständig zwischen der alten und der neuen Welt hin- und herpendelte, setzte er seinen Fuß nie auf festen Boden. Selbst als erwachsener Mann wagte er nie den Schritt über die Gangway, da er mit der Welt dort draußen nicht vertraut war. Als Max erfährt, dass die inzwischen ausgemusterte „Virginian“ noch immer im Hafen liegt und kurz vor der Sprengung steht, macht er sich verzweifelt auf die Suche nach seinem Freund, von dem er weiß, dass er sich mit Sicherheit noch irgendwo auf dem Schiff versteckt…

Kritik:

Nach der gleichnamigen Romanvorlage von Alessandro Baricco erzählt Tornatore, der das Drehbuch zu der Adaption schrieb, wieder einmal ein Märchen, das erneut als Erinnerung erzählt wird und das Kinopublikum von Beginn an in seinen Bann zieht. Denn die wundersame Entdeckung eines Findelkindes im Bauch eines riesigen Ozeandampfers, das sich bereits als Kind aus unerfindlichen Gründen zu einem Genie am Piano erweist, bietet hier alles auf, was ein Märchen ausmacht. Allerdings wird schnell deutlich, dass Tornatores Film viel zu lang geraten ist. Im Original fast drei Stunden dauernd, wurde „Die Legende vom Ozeanpianisten“ für das deutsche Publikum schon auf zwei Stunden gekürzt und kommt doch nicht ohne Längen aus. Zwar bemüht Tornatore erfolgreich opulente Sets auf dem Luxusdampfer und berauscht mit eindringlichen Bildern, doch die Story des musikalischen Wunderkinds hält mit den grandiosen Bildern nicht Schritt. Einzig das Piano-Duell mit Jelly Roll Morton (Clarence Williams III), dem selbsternannten Erfinder des Jazz, sorgt im letzten Viertel für etwas Tempo, doch danach plätschert die Story bis zum vorhersehbaren Ende wieder langsam dahin. Weder Pruitt Taylor Vince („Identität“, „Constantine“) noch Tim Roth („Pulp Fiction“, „Rob Roy“) verfügen über das Charisma, so ein Märchen auf ihren Schultern zu tragen, und selbst Ennio Morricones sentimentaler Score vermag nicht für die große Brillanz zu sorgen. So bietet „Die Legende vom Ozeanpianisten“ anfangs viel fürs Gefühl, die ganze Zeit über viel für das Auge und das Ohr, doch zu dem ganz großen Wurf reicht es leider nicht.

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