Hereditary – Das Vermächtnis
Dass der New Yorker Filmemacher Ari Aster ein
besonderes Faible für abgründige Familiengeschichten besitzt, hat er bereits mit
seinen Kurzfilmen „Munchhausen“ und „The Strange Thing About the
Johnsons“ dokumentiert. So richtig in die Vollen ging er dabei mit seinem
herausragenden Langfilmdebüt „Hereditary – Das Vermächtnis“ (2018), das
Hauptdarstellerin Toni Collette in ihrer vielleicht besten Rolle
überhaupt zeigt.
Inhalt:
Als die 78-jährige Ellen Taper von ihrer Tochter Annie
Graham (Toni Collette) zu Grabe getragen wird, ist sie nicht von
ungefähr darüber überrascht, wie viele unbekannte Gesichter sie bei der
Trauerfeier sieht, denn mit ihrer unnahbaren, verschwiegenen Mutter ist Annie
nie richtig warm geworden. Wirklich betroffen scheint aber niemand vom Tod der
alten Dame zu sein, bis auf ihre 13-jährige Enkelin Charlie (Milly Shapiro),
die sich auch nachts in das große Baumhaus auf dem Grundstück am Waldrand zurückzieht,
während Annie zur Vorbereitung ihrer nächsten Ausstellung an einer Miniaturausgabe
ihres Holzhauses arbeitet, Teenager-Sohn Peter (Alex Wolff) auf der
Highschool vor allem an dem vor ihr sitzenden Mädchen und an das Kiffen mit
seinen Kumpels interessiert ist und ihr Mann Steve (Gabriel Byrne) den ungerührten
Fels in der Brandung gibt. Doch der Tod ihrer Mutter trifft Annie mehr, als sie
zugeben will, und so besucht sie heimlich eine Selbsthilfegruppe, in der sie
ihre besondere Beziehung zu ihrer Mutter beschreibt. Gegenüber den Fremden dort
offenbart sie, dass ihre Mutter an einer dissoziativen Identitätsstörung
gelitten habe und ihr Vater unter Depressionen. Er habe sich zu Tode gehungert,
während ihr älterer Bruder an Schizophrenie erkrankt sei und sich mit 16 Jahren
erhängt habe.
So richtig aus der Bahn geworfen wird sie allerdings, als auch
ihre geliebte Tochter Charlie bei einem ungewöhnlichen Autounfall stirbt, an
dem Peter maßgeblich beteiligt gewesen ist. Er hatte seine an einer Nussallergie
leidende Schwester mit zu einer Party genommen und sie allein gelassen, während
er mit seinem Schwarm eine Bong durchziehen wollte. Als er sie mit zunehmend geschwollenem
Hals ins Krankenhaus fahren will und einem toten Tier auf der Straße ausweichen
will, verliert er die Kontrolle über den Wagen und tötet dabei seine Schwester.
Als Annie ein weiteres Mal die Selbsthilfegruppe besuchen,
dann jedoch hiervon Abstand nehmen will, wird sie von Joan (Ann Dowd) angesprochen,
die selbst vor Kurzem ihren Sohn und ihren Enkel bei einem Unfall verloren hat.
Sie bietet ihr an, sich mit ihr privat zu treffen, um über den Verlust ihrer
Tochter zu reden. Bei einer späteren Begegnung auf dem Parkplatz eines
Supermarkts lädt Joan Annie erneut ein, diesmal um ihre Erfahrungen mit einer
offenen Séance zu teilen – mit fürchterlichen Konsequenzen für Annie und ihre
Familie…
Kritik:
Das Horror-Genre zählt zu den ältesten Genres der Filmgeschäft
und hat in den letzten hundert Jahren einige Zäsuren überlebt. Mittlerweile scheint
es gar nicht mehr so einfach zu sein, als Filmemacher sein Publikum mit
originellen Ideen zu erschrecken. Ari Aster („Midsommar“, „Beau Is
Afraid“, „Eddington“) erweist sich in seinem Langfilmregiedebüt als Kenner
der Materie, hat Werke wie „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ und „Rosemary’s
Baby“ sowie die Haunted-House-Klassiker sorgfältig studiert. Doch statt
eine plumpe Best-of-Variation zu präsentieren, geht Aster weitaus subtiler vor.
Das beginnt mit der Eröffnungssequenz, wenn die Kamera langsam auf ein
Schlafzimmer in Annies Miniaturmodell zoomt, bis aus dem erstaunlich
realistischen Modell das richtige Zimmer wird, in dem Steve gerade seinen Sohn
zu wecken versucht. Es ist ein Vorgeschmack auf das stete Gefühl, dass die
Grahams in der einen oder anderen Form unter Beobachtung stehen. Zwar offenbart
„Hereditary“ auch schnell seinen okkulten Charakter, wenn Annie im
Nachlass ihrer Mutter ein Handbuch zum Spiritismus findet und sie durch Joan eine
sehr direkte Erfahrung damit macht, doch im Grunde genommen erzählt Aster die
sehr verstörende Geschichte einer dysfunktionalen Familie, in der Annie bereits
extrem vorbelastet gewesen ist, wie ihre offene Aussprache in der Trauergruppe
beweist. Fortan wird das Publikum mit einer Tour de Force konfrontiert, die Ari
Aster mit einem atonalen Soundtrack von Colin Stetson unterlegt und klassischen
Jump Scares zementiert, ohne die wahre Bedrohung spürbar zu machen. Dabei zeigt
vor allem Toni Collette („The Sixth Sense“, „Nightmare Alley“)
eine mitreißende Vorstellung, in der sie ihre traumatisierte Figur ohne Berührungsängste
an ihr Publikum heranträgt und so maßgeblich für das wahre Grauen in „Hereditary“
verantwortlich ist.
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