Ashes of Time Redux

Mit seinen ersten drei Filmen „As Tears Go By“ (1988), „Days of Being Wild“ (1990) und „Chungking Express“ (1994) steckte Hongkong-Autorenfilmer Wong Kar-Wai sowohl sein thematisches als auch ästhetisches Konzept ab. Seine Filme erzählen episodenhaft Geschichten von einsamen Menschen, die sich nach Liebe sehnen und feststellen müssen, dass sie diese nach unglücklichen Erfahrungen nicht erleben. Spielten sich die ersten drei Werke des seit „Chungking Express“ auch international gefeierten Regisseurs noch in den dreckigen, neongrellen und anonymen Vierteln der Großstadt ab, verlegte der selbsternannte Martial-Arts-Fan Kar-Wai die Kulisse für seinen ebenfalls 1994 entstandenen Film „Ashes of Time“ in die chinesische Wüste. Nachdem das hastig zu den Filmfestspielen von Venedig fertiggestellte Werk damals an den Kinokassen floppte, überarbeitete Kar-Wai den Film im Jahr 2008, kürzte den Film um sieben Minuten und ließ den Score für „Ashes of Time Redux“ komplett erneuern.

Inhalt:
Schwertkämpfer Ou-yang Feng (Leslie Cheung) hat sich eine Hütte am Rande der Wüste zurückgezogen, nachdem die Liebe seines Lebens (Maggie Cheung) seinen Bruder geheiratet hat. In seiner Herberge im Sand vermittelt der Eremit Auftragsmörder an Menschen, die nach Rache dürsten. Die Kunden und die Killer, die gleichermaßen in seinem Wirtshaus auftauchen, haben fast alles eines gemeinsam: Enttäuschte Liebe ist ihr vorrangiger Beweggrund. Da ist zum Beispiel der melancholische Huang (Tony Ka Fai Leung), der einen Wein mit sich trägt, der ewiges Vergessen bewirkt. Nun soll er sterben, weil er eine Frau abgewiesen hat, die er einst unter dem Einfluss des Weines um ihre Hand bat. Ihre Schwester schwor Rache, doch es handelt sich um ein und dieselbe psychisch gespaltene Frau (Brigitte Lin), die mal als Yin und mal als Yang auftritt. 
Ein fast erblindeter Schwertkämpfer (Tony Leung Chiu-wai) ist derweil auf der Suche nach einem letzten Auftrag, um mit dem Geld noch einmal die Pfirsichblüten seiner Heimat sehen zu können…

Kritik:

Wong Kar-Wai hat sich als Fan klassischer chinesischer Martial-Arts-Romane für „Ashes of Time“ von einem Epos des Journalisten Jin Yong inspirieren lassen, das wie viele seiner Werke als Fortsetzungsgeschichten in Zeitungen veröffentlicht wurde, so auch das zwischen 1957 und 1959 erschienene „The Legend of the Condor Hero“. 
Zusammen mit seinen fest zum Stab gehörenden Kameramann Christopher Doyle und Produktionsdesigner William Chung inszenierte Kar-Wai einen Film, das mit klassischen Martial-Arts-Filmen wenig gemein hat, denn im Mittelpunkt stehen nicht die Kampfszenen, sondern die Schicksale der Figuren, die in loser Folge in der einsam in der Wüste gelegenen Behausung des Auftragsmord-Vermittlers Ou-yang Feng auftauchen, der die Episoden mit Rückblenden und Erinnerungen als Erzähler aus dem Off irgendwie zusammenzuhalten versucht. 
Da man über die Komplexität der emotionalen Verwicklungen aus Begehren, Zurückweisung, Rachedurst, Schmerz und Enttäuschung schnell den Überblick verliert, dient die vordergründig eingesetzte Musik und die vertraut ästhetisierten Bilder für den Zusammenhalt. Natürlich sind die vorwiegend in Gelb-, Grün- und Blautönen gehaltenen Bilder, die gekippten Horizonte und die ungewöhnlichen Perspektiven gewohnt beeindruckend und von magischer Schönheit. 
Durchbrochen wird dieser melancholische Fluss der Bilder durch die gelegentlichen Kampfszenen, wie durch verschiedene Filter- und Shutter-Effekte demontiert und zu einer geräuschvollen Collage in Extremzeitlupe zusammengesetzt werden, die der Ästhetik von Musikvideos sehr nahekommt. Am Ende erzählt „Ashes of Time“ in vertrackten Episoden von Liebe und Einsamkeit, von Schmerz und Tod, von Erinnern und Vergessen, von Zuneigung und Zurückweisung. Schade nur, dass die Figuren bei all der Schönheit so blass bleiben und wie im Fiebertraum vorüberziehen. 

Kommentare

Beliebte Posts