Die mit der Liebe spielen

Mit „Der Schrei“ (1957) hat Michelangelo Antonioni zwar noch ein meisterhaftes Spätwerk des italienischen Neorealismus vorgelegt, aber längst mit dem Fokus auf die emotionale Leere seiner Protagonisten als auf die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen. Drei Jahre später lieferte Antonioni mit „Die mit der Liebe spielen“ sein Magnum Opus ab, eine zweieinhalbstündige Tour de Force der Emotionen im topgrafischen Spannungsfeld zwischen kargen Inseln, tosendem Meer und bedrohlichem Himmel.

Inhalt:

Sandro (Gabriele Ferzetti) hat seine künstlerischen Ambitionen als Architekt zugunsten einer lukrativen, aber wenig sinnvollen Beratertätigkeit aufgegeben und unterhält eine lockere Affäre mit Anna (Lea Massari), einer unzufriedenen Angehörigen der oberen Zehntausend. Zusammen mit Annas Freundin Claudia (Monica Vitti), Giulia (Dominique Blanchar), Raimondo (Lelio Luttazzi), Patrizia (Esmeralda Ruspoli) und anderen unternimmt das Paar mit einer Jacht einen Ausflug auf die kleine äolische Insel Panarea, doch dann verschwindet Anna nach einem Streit mit Sandro spurlos. Während der Suche nach Anna sucht Sandro Claudias Nähe, was sie jedoch brüsk zurückweist. Nachdem ein Teil der Gruppe die Insel verlassen hat, um die Polizei zu informieren, verläuft auch die Suche mit einem Polizeihubschrauber und mit Tauchern in der Felsgrotte erfolglos.
Sandro und Claudia wollen einem Hinweis auf Annas Aufenthaltsort auf dem Festland nachgehen. Während ihrer Suche nach Anna in ganz Sizilien entspinnt sich ein Liebesabenteuer zwischen den beiden, das einer Berg- und Talfahrt gleichkommt. Alle Hinweise auf ihrer Suche entpuppen sich als falsch.  Schließlich treffen sie in einem Hotel in Taormina ein, wo gerade ein rauschendes Fest stattfindet. Im Zuge dessen lässt sich Sandro mit einem Starlet ein, das er auf seiner Suche schon einmal getroffen hat. Als Claudia davon Wind bekommt, verlässt sie in Tränen aufgelöst das Hotel…

Kritik:

Aus der winterlich grau-tristen Po-Ebene in die oberen Gesellschaftsschichten. Mit „Die mit der Liebe spielen“ wechselt Antonioni nicht nur das Milieu und lässt damit endgültig den italienischen Neorealismus hinter sich, sondern perfektioniert erstmals im Breitbildformat auch das Zusammenspiel der emotional ausgehöhlten Figuren mit der Landschaft. Unter schwierigsten Produktionsbedingungen, bei denen die Crew wochenlang auf den Inseln festsaß, das Geld ausging und einige Crewmitglieder wegen ausbleibender Lohnzahlungen vorzeitig das Set verließen, entstand ein etwas überlanges Drama, das wie ein Krimi beginnt, dann aber zunehmend Sandros Sehnsucht nach schönen Frauen thematisiert und damit auch die Leere in seinem Leben. 
Mit der Affäre, die Sandro mit Annas ebenfalls wankelmütigen Freundin Claudia unterhält, verblasst die Suche nach Anna mit der Zeit und macht ganz der Lust Platz, die sich nicht nur in Sandros Verhalten äußert, sondern besonders eindringlich in einer Straßenszene, als Claudia auf der Straße von unzähligen Männern wie ein Sexobjekt begafft wird. 
Der Eros spielt auch in der Beziehung zwischen Giulia und dem siebzehnjährigen Künstler Goffredo eine gewichtige Rolle, malt der junge Mann doch nur nackte Frauen, was Giulia schließlich zu einem Tête à tête hinreißen lässt. Antonioni lässt in diesem eher melancholischen als lustvollen Reigen einmal mehr ausdrucksstarke Bilder mehr erzählen als die Figuren, die wie andere Objekte auch den Raum füllen und damit ihre innere Leere zum Ausdruck bringen, gerade im Zusammenspiel mit den kargen Felsen der Insel, dem Tornodo, der aus dem Himmel auf das unruhige Meer trifft, und den austauschbaren Straßenszenen. 
Mit „Die Nacht“ (1961) und „Liebe 1962“ (1962) brachte Antonioni seine berühmte Trilogie zu einem bemerkenswerten Abschluss.


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