Der Schrei

Mit seinen ersten beiden Filmen „Chronik einer Liebe“ (1950) und „Die Dame ohne Kamelien“ (1953) brach Michelangelo Antonioni mit den Gesetzmäßigkeiten des italienischen Neorealismus, indem er nicht die Sorgen und Nöte der Arbeiterschicht thematisierte, sondern die unmögliche Liebe zwischen wunderschönen Frauen aus wohlhabendem Hause und einfachen Männern, denen es am nötigen Willen fehlt, mehr aus sich zu machen. Mit dem 1957 realisierten Drama „Der Schrei“ präsentierte Antonioni ein meisterhaftes Spätwerk des italienischen Realismus mit seiner bereits ausgeprägten stilisierten Bildsprache.

Inhalt:

Ein kleiner Ort mit einer Fabrik in der italienischen Po-Ebene. Als Irma (Alida Valli) vom Tod ihres Mannes erfährt, der in einer Fabrik in Australien gearbeitet hat, ist für sie der Zeitpunkt gekommen, auch die siebenjährige Beziehung zu dem in der Fabrik arbeitenden Aldo (Steve Cochran) zu beenden, liebt sie seit vier Monaten doch einen anderen Mann. Dabei hatte er sich Hoffnungen gemacht, Irma endlich heiraten zu können. Völlig kopflos irrt er durch die Straßen des Dorfes. Als er Irma auf dem belebten Dorfplatz begegnet, schlägt er sie mehrmals ins Gesicht und besiegelt damit sein Schicksal. Mit der gemeinsamen Tochter Rosina zieht er mangels Alternativen zu seiner früheren Freundin Elvia (Betsy Blair), die Aldo noch immer liebt. Elvia freut sich über seine Anwesenheit, aber als Irma einen Koffer mit Kleidung für Aldo und Rosina vorbeibringt, spürt sie, dass Aldo nur gekommen ist, weil Irma ihn verlassen hat. Elvia fordert ihn auf, wieder zu gehen. Am nächsten Morgen ist er mit seiner Tochter verschwunden.
Ziellos ziehen Vater und Tochter durch verlassene Landschaften und über einsame Landstraßen. Schließlich stranden sie bei der attraktiven und selbstbewussten Virginia (Dorian Gray), die mit ihrem alten Vater eine Tankstelle betreibt. Rosina versteht sich gut mit dem Alten, einem Anarchisten und Trinker. Als Rosina beobachtet, wie sich ihr Vater mit Virginia vergnügt, reagiert sie verstört und wird wenig später mit dem Bus nach Hause zu ihrer Mutter geschickt. Also weiß nicht nur, dass das Kind unter der Situation leidet und ihn bei der Arbeitssuche behindert, auch in der Beziehung mit Virginia sieht er keine Zukunft und verlässt sie, während sie im Café auf ihn wartet.
Aldo lernt Andreina kennen, eine lebenslustige, hübsche junge Prostituierte (Jacqueline Jones), die in einer kleinen Hütte am Fluss lebt. Er gefällt ihr, aber seine Antriebslosigkeit macht ihr zu schaffen. Als sie Hunger leidend einen Freier aufsucht, um ein paar Lire zu verdienen, folgt ihr Aldo. Aber auch in dieser Situation ist er nicht in der Lage, ihr eine Stütze zu sein. Stattdessen lässt er sie verzweifelt zurück und kehrt per Anhalter in seinen Heimatort zurück…

Kritik:

Wie schon in seinen Vorgängerwerken „Chronik einer Liebe“ und „Die Dame ohne Kamelien“ beschreibt Antonioni, der zusammen mit Elio Bartolini („Die mit der Liebe spielen“, „Sonnenfinsternis“) und Ennio De Concini („Unter glatter Haut“, „Scheidung auf Italienisch“) auch das Drehbuch verfasst hat, das Zerplatzen einfacher Träume von Glück und Liebe, bleibt aber diesmal bei den einfachen Leuten, die in der tristen Kargheit der Po-Ebene hart für ihren Lebensunterhalt schuften müssen. 
Eingerahmt wird die Handlung von Aldos Begehung des Fabrikturms. Geht er die Treppen dort zu Beginn hinunter, um von seiner geliebten Irma das Mittagessen in Empfang zu nehmen, macht er sich in der Schlussszene ein letztes Mal auf den Weg den Turm hinauf, während die Dorfbewohner gegen die drohende Enteignung des Fabrikgeländes protestieren, auf dem ein Flugplatz gebaut werden soll. Zwischen diesen beiden emotional völlig unterschiedlichen Treppengängen begleiten Antonioni und sein Kameramann Gianni Di Venanzo („8 ½“, „Julia und die Geister“) Aldo dabei, wie er ziellos mit seiner kleinen Tochter durch die öden Landstriche zieht, meist per Anhalter und immer auf der Suche nach einem Job, doch außer Gelegenheitsarbeiten beim Straßenbau oder an Virginias Tankstelle kommt dabei nichts heraus. Dazu verlieben sich zwar alle Frauen, denen Aldo unterwegs begegnet, doch da sein Herz noch immer an Irma hängt, kann er sich nicht ernsthaft auf eine neue Beziehung einlassen. Antonioni fängt Aldos triste Suche nach Halt im Leben mit ebenso kargen, hellgrauen Bildern ein und sagt mit langen Einstellungen mehr aus als tausend Worte es könnten.

Kommentare

Beliebte Posts